http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0490
besten. Am 14. Oktober 1867 schreibt er
an mich:
„Theater, Musik und dergleichen kenne ich
gar nicht mehr, und muß ich auch oft von
Tag zu Tag pumpen, um des Magens Knurren
zu beruhigen. Der Graf war zwar hier, hat
mir aber, da er auf der Durchreise nach Paris
begriffen war und nicht genug beistecken hatte,
nicht mehr als 100 Fl. gegeben; er vertröstete
mich bis auf vierzehn Tage, wann er wieder
zurückkommt. Die 100 waren im Nu weg.
Den größten Teil meiner Schulden habe ich
jedoch noch nicht berichtigt. Dies alles
behindert mich auch sehr an der Lust zum
Arbeiten. Zum Beispiel kann ich mir, was
sehr notwendig ist, in meinem Atelier weder
Vorhänge, noch Teppiche, noch sonst etwas
anschaffen. Da das Semester noch nicht angefangen
, so konnte ich auch das mir versprochene
Holz noch nicht beanspruchen und
so bei der grimmigen Kälte, die hier herrschte,
kaum arbeiten. Ich hoffe jedoch, daß dies
alles sich in kurzem bessern wird. Wenn nur
das Stipendium bald käme ! Frage doch meine
Eltern, ob keine Aussicht dazu vorhanden.
Ein neues Porträt habe ich in Auftrag und
werde dasselbe anfangen, sobald mein Atelier
in wohnlichem Zustande sein wird. Von
dem Grafen bekam ich ferner Aufträge zum
Kopieren eines oder mehrerer van Dycks in
der alten Pinakothek. Für eins werde ich
wahrscheinlich 300 Fl. bekommen. Derselbe
hatte die Kopie, welche ich für Kaulbach angefertigt
, gesehen, die mir vortrefflich gelungen
ist."
Er war nicht etwa besonders auf Gelderwerb
bedacht. In einem Briefe an seine Mutter*)
schreibt er:
„Erwartet nicht von mir, daß ich etwa nach
Paris gehe oder Gastrollen im Porträtmalen
geben werde. Dies wäre mein sicherer Ruin.
In dieser Beziehung kenne ich mich und werde
meinen eigenen Weg wandeln wie bisher, vielleicht
nicht so sehr zum Vorteil des Geldbeutels
als zu Nutz und Frommen meiner Kunst, die
nicht durch den geringsten Hauch von Schwindel
und Charlatanerie berührt werden darf."
Leibi war ein sehr angenehmer, in den Umgangsformen
aber etwas unbeholfener Mann.
Das letztere zeigte sich unter anderem eines
Tages im Jahr 1868 in Köln. Dort hatte ein
reicher Herr den ihm gelegentlich vorgestellten
jungen Mann, den man damals als aufgehenden
Stern ansah, zum Abendessen eingeladen, um
ihn bei dieser Gelegenheit einer Gesellschaft
von Bekannten zu präsentieren. Der Künstler
*) Kölner Tageblatt, 19. Dezember 1907.
erschien erst gegen 8V2 Uhr, und zwar im
Alltagsanzuge; an eine gesellschaftliche Veranstaltung
hatte er nicht gedacht. Der Hausherr
begrüßte ihn mit einem Willkommen und
mit den Worten: „Wir haben schon auf Sie
gewartet." Leibi erwiderte ganz arglos: „Ich
konnte nicht eher kommen. Ich war mit Bekannten
zusammen und habe mit diesen ein
paar Glas Kölsch (Kölnisches Bier) getrunken."
Sodann wurde er den Gästen vorgestellt und
bald darnach begann das Abendessen. Als
dieses zu Ende war, bat ihn die Hausfrau, er
möchte sich doch einmal ihr Porträt ansehen
und sein Urteil darüber abgeben. Sie führte
ihn an die betreffende Stelle, wo das Porträt
hoch an der Wand hing. Leibi erklärte, es
hänge ihm zu hoch und unbekümmert um den
Einspruch der Dame, sie wolle den Diener
rufen, bestieg er einen Stuhl, holte das Bild
mit seinen starken Armen herunter und stellte
es vor sich hin. Nun schaute er einige Male
abwechselnd auf die Dame und dann wieder
auf das Bild und bald war sein Urteil fertig,
das er mit den Worten kundgab: „Sie hatten
wohl den ,Schnops' (Schnupfen), als Sie gemalt
wurden und dann meine ich auch, daß
der Maler Ihnen geschmeichelt hat."
Die Liebe drang nur selten in sein Herz.
Bei einer Gebirgspartie sah er eine Sennerin,
die einen solchen nachhaltigen Eindruck auf
ihn machte, daß er bald nach seiner Heimkehr
dieselbe Tour wiederholte und dem Mädchen
seine Liebe gestand. Die aber wies ihn
freundlich ab mit den Worten, sie sei nicht
für ihn, sondern nur für einen Buben auf der
Alm geschaffen.
Seine Beziehungen zur Wirtstochter in Schondorf
, in die er sich 1877 verliebte, sind bekannt
. In der Folge war er gegen das weibliche
Geschlecht sehr zurückhaltend.
Leibi war ein nüchterner Mann. Nur bei
außerordentlichen Gelegenheiten und besonders,
wenn die Kunst ihm winkte, machte er eine
Ausnahme von der Regel. Dies zeigte sich
eines Tages in den sechziger Jahren in einem
Kölner Gartenlokal, in dem er mit einem
älteren Bekannten zusammentraf. Dieser brachte
ihn in gehobene Stimmung, indem er ihm mit
verlockenden Tönen zutrank: „Herr Leibi,
wir wollen einmal den Rembrandt leben lassen !"
und der Kunstjünger trank daraufhin einen
kräftigen Schluck. Als der Bekannte ihn nun
weiterhin aufforderte, auf van Dyck, Hals,
Holbein und andere alte Meister anzustoßen, da
glaubte Leibi es für eine Beleidigung der Manen
dieser von ihm hochverehrten Künstler ansehen
zu müssen, wenn er nicht gleich ein halbes
Glas auf jeden tränke. An diesem Abend sollen
402
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0490