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JOSEF MÜLLNER
LEBENSFRÜHLING (WACHS)
Wiener Künstlerhaus-Ausstellung 1913
eine große Weichheit in der Behandlung des
Fleisches, dafür zu entschädigen. Eine Tierfigur
von Barwig, ein sich streckender Panther in
schwarzem, poliertem Birnholz, weiß trotz stilisierender
Vereinfachung der Formen sein wohliges
Behagen förmlich auf den Beschauer zu
übertragen. Artur Strassers hochentwickelter
Sinn für polychromierte Plastik kommt diesmal
in einer sehr dekorativ wirkenden Statuette
eines Bischofs in vollem Ornate zur Geltung.
Nicht ohne Anmut, wenngleich etwas weniger
lebendig, ist eine in Holz geschnitzte Figur
von Breitner, „St. Nikolaus der Kinderfreund",
während das kauernde Weiblein des Holzbildhauers
Zelezny humoristische Charakteristik
mit gemütvollem Nachempfinden der Natur
verbindet. Dies nur das Nennenswerteste unter
den ausgestellten Plastiken, die eine eingehendere
Würdigung verdienten, als die es ist, die
wir ihnen hier zuteil werden lassen können.
Auch von den zahlreich eingesendeten Gemälden
können wir nur die hervorstechendsten
erwähnen. An größeren figuralen Kompositionen
finden wir zunächst Jungwirths „Ueber-
fall von Hochkirch", Larwins „Wiener Stadtratssitzung
", Joanowitch „Kreuzigungsbild",
Schräm „Grablegung" und das „Intermezzo"
von Krausz. Jungwirths Historiengemälde ist
mit außerordentlicher Vertiefung in die künstlerischen
Aufgaben einer solchen Darstellung gemalt
. Der Beschauer atmet förmlich mit den
Soldaten die frische Morgenluft, die über dem
Gelände lagert, er nimmt teil an der allgemeinen
Spannung und verhaltenen Aufregung, die als unsichtbare
Macht das Ganze zusammenhält. Die
Stimmung im historischen Vorgang ist meisterhaft
festgehalten. Alles zittert dem großen Moment
entgegen. Ohne irgendwie vernachlässigt
zu sein, ist alles Detail der Gesamtwirkung unter-
geordnet. Man sieht, daß unter gewissen Bedingungen
das Historiengemälde sich auch in
unserer Zeit Geltung zu verschaffen vermag.
Greifbare Wirklichkeit, die an unsere Phantasie
keine großen Anforderungen stellt, und @
das künstlerische Moment hinter einer scheinbar
ganz selbstverständlichen Natürlichkeit
verbirgt, führt uns Larwin in seiner Wiener
„Stadtratssitzung unter dem Vorsitze Luegers"
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