http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0518
FERDINAND BRUNNER
SCHEIDENDER TAG
Wiener Künstlerhaus-Ausstellung 1913
verblüffende Lockerheit, die er mit seiner früheren
impressionistischen Malweise nicht erreicht hatte.
Ob er uns an die Marina mit ihrem Gewimmel von
bunten Booten führt, uns die Fruchtgelände von
Anacapri mit den silbrig konturierten Oliven zeigt,
oder ob sich, von der Terrasse seines Hauses gesehen
, „das Meer mit den erwärmten Buchten" in
veilchenblauem Sammet weithin breitet, überall begegnen
wir einer großgesinnten Temperamentskraft,
die ihn treibt, im Zufälligen das Ewige, im Wechselnden
das Bleibende darzustellen, in jedem Naturausschnitt
gewissermaßen die Monumentalität des
Kosmischen aufzuzeigen. Ähnliche koloristische Prinzipien
verfolgt er in den figürlichen Motiven, so in
dem „Obstverkäufer", den „Ringern", vor allem in
dem prächtigen (in dieser Zeitschrift, Juliheft 1912,
reproduzierten) Bilde „Mittagszauber" mit den drei
jungen Mädchen vor tiefblauer Luft zwischen leuchtenden
Büschen weißer Margueriten. G. Howe
l/'REFELD. Im hiesigen Kaiser-Wilhelm-Museum
wurde das von Professor L. Tuaillon im
Auftrage des Kultusministeriums ausgeführte große
Bronzerelief „Stiertreiben" aufgestellt.
IVytÜNCHEN. Der Neue Kunstsalon eröffnet seine
neuen Räume mit einer Kollektion von Arbeiten
G. Münters. Diese gehören zu den ganz modernen.
Die Bildfläche wird in große Farbflächen aufgeteilt,
indem man dabei vermeidet, auf die Form einzugehen
. Was man vor allen Dingen vermißt, ist die
Tonigkeit, die Bilder zeigen kein farbig zusammenhängendes
Ganzes. — Hans Goltz bringt die
beiden Schweizer Cuno Amiet und Giovanni
Giacometti. Amiet ist wohl heute als einer der
bedeutendsten Schweizer Maler anzusehen. Seine
neueren Arbeiten zeigen eine größere Vereinfachung.
Er bemüht sich, das Bild farbig noch mehr zu einer
Einheit zu gestalten. Auch bei Giacometti hat sich
eine Abwendung vom Impressionismus vollzogen, er
sucht seine Aufgabe jetzt in der Komposition, die
nur in der Verteilung der Massen wirkt. — In Thann-
hausers Moderner Galerie ist eine Reihe von Bildern
von Kees van Dongen ausgestellt. Dongen war
vor einigen Jahren die Sensation in Paris und
wurde neben Matisse genannt. Heute sehen wir in
seinen Arbeiten nur einen schwachen Versuch,
mondaine Sujets mit den Mitteln der Primitiven
darzustellen. Daß seine Anfänge im Geiste der
großen Franzosen standen, zeigt die gute Skizze
eines jungen Mädchens. F.
1V/IÜNCHEN. Die bayerischen Staatsgalerien er-
warben von der Modernen Kunsthandlung (F.
J. Brakl) die große Thunerseelandschaft Hodlers
aus den neunziger Jahren.
"DRAG. Die Jubiläumsausstellung der ältesten
*• tschechischen Künstlervereinigung „Umeleckd
Beseda" will eine Rückschau auf die ältere tschechische
Kunst sein; sie ist aber nur ein Torso. Die
stärksten Talente wie Ales, Schwaiger, Knüpfer
fehlen fast gänzlich. Mögen die Gründe, welche
immer sein, die Tatsache steht fest. Unter den
älteren Bildern ist nur weniges, was jetzt noch interessiert
, so Meister Josef Manes, der auch heute
noch modern wirkt. Brillant in Komposition und
Farbe sind etliche Bilder von Karl Purkyne. Der
wenig bekannte Sobeslav Pinkas zeigt sich als
bedeutender Maler. Die historische Schule, darunter
Brozik, Cermäk, ist heute veraltet und wirkungslos.
Die Ausstellung wird überdies durch die Art der
*(5X3 (5X3 (5X3 (5X3 (5X3(5X3 (5X3 (5X3 (5X3 (5X3^
428
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0518