Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 438
(PDF, 174 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0530
I

e)

tion spanischer Fliesen (wohl die vollständigste,
die es gibt), die fein ausgewählte Sammlung
von west- und ostasiatischer Keramik und
vor allem die einzigartige Sammlung indischer
Plastik. Auch hier ist überall auf höchste
Qualität gesehen und so diese Sammlung alter
Kunst unserem heutigen Kunstschaffen zum
Vorbild gesetzt.

Bemerkenswert ist auch das Aufstellungsprinzip
: nahe bei dem Jünglingsbrunnen von
Minne, der den Eingangsraum beherrscht,
steht die Vitrine der antiken Kleinkunst, der
Trübner hängt über einem vornehmen Empire-
Sekretär, die Bilder von Gauguin hängen
zwischen den indischen Buddhastatuen — und
doch ist alles in Harmonie miteinander, denn
das Große in aller Kunst ist sich immer verwandt
. Es braucht kaum noch betont zu
werden, daß überall in der Anordnung im
einzelnen wie im gesamten höchste Sorgfalt
und feinster Geschmack angewandt ist.

Trotz der zahlreichen und bedeutenden alten
Kunstschätze bleibt das Wesentliche in diesem
Museum aber doch die moderne Kunst. Das Wort
„modern" bedeutethier selbstverständlich keine
einseitige Richtung, keine Abhängigkeit von
Mode und Sensation, sondern es soll nur
heißen, daß hier nicht, wie in den meisten
„modernen" Galerien, die Weltgeschichte mit
dem Jahre 1890 oder allenfalls 1900 zu Ende
ist. Daher liegt der Schwerpunkt in der nachimpressionistischen
Epoche, aber auch die
vorhergehenden Entwicklungsstufen kommen
mit Hauptwerken zu Wort. Noch in die erste
Hälfte des 19. Jahrhunderts weisen einige
kleinere Werke von Corot, Millet und
Courbet, gleichsam noch die Vertreter eines
unmodernen, stilleren Daseins. Die eigentlich
moderne Zeit beginnt dann mit zwei Werken
von gewaltiger innerer Erregung, einem französischen
und einem deutschen: Daumiers
„Ecce Homo" (Abb. S. 433) und Feuerbachs
„Orpheus und Eurydike" (Abb. S. 435). Dau-
mier zeigt sich auch hier als der große Menschen-
schilderer, aber auf einem anderen Gebiete
als er uns sonst bekannt ist, und weist mit
der monumentalen Stilisierung des Formalen
wie des Geistigen schon auf die großen Expressionisten
van Gogh und Nolde hin. Feuerbach
giebt hier wohl an Innerlichkeit und Wahrheit
des Gefühls das Tiefste von allen seinen
Werken. Was beide Werke als Kinder ihrer
Zeit gemeinsam haben, ist das Prinzip linearer
Komposition, das die Farbe bedeutungslos
werden läßt. Die Eroberung der Farbe beginnt
erst um die siebziger Jahre. Als bezeichnendes
deutsches Werk dieser Zeit zeigt das
Museum einen frühen Trübner (Dame in Grau,

um 1870), der hier mit seiner vornehmen
Malweise und abgeklärten Farbenstimmung
die Stelle Leibis zu vertreten vermag (Abb.
S. 439). Das Gegenstück zu diesem Realismus
der Farbe bildet die Romantik der Farbe
in Böcklins „Pan im Kinderreigen" (Abb.
S. 434), das sich vor vielen anderen Werken
des Meisters durch besondere Zartheit der
Malweise auszeichnet. Nun erhalten eine Zeitlang
die Franzosen die Führung. Da ist zunächst
Manets „Granate" (1877), ein Werk,
das trotz seines kleinen Formates außergewöhnlich
reich an Form und Ausdruck ist
(Abb. 436). Dann einHauptwerk des französischen
Impressionismus,die „Lise" von Renoir (1867),
heute schon ganz altmeisterlich erscheinend
in ihrer heiteren Ruhe und dem köstlichen
Farbenklang von hellgrün und rosa
(Abb. S. 437). Neuerdings sind noch einige
kleinere Werke aus des Meisters letzten Jahren
hinzugekommen. — Daß man sehr im Unrecht
ist, wenn man den sogenannten Neo-
impressionismus immer noch als Experiment
abtut, zeigt die reiche Kollektion von Werken
dieser Richtung. Wir sehen hier, wie die
Seurat, Signac, Cross und Rysselberghe
doch innerhalb der gleichen Kunstanschauung
große individuelle Unterschiede zeigen und
uns eine Auffassung von der Natur geben,
die allen anderen Richtungen verschlossen ist
und die wir doch nicht missen möchten. —
Wenn einmal dem Geschichtsschreiber der
modernen Kunst die Kenntnis des Folkwang-
Museums von größtem Nutzen sein wird, geradezu
unentbehrlich ist es für zwei Künstler:
van Gogh und Gauguin. Von van Gogh sind
zunächst zwei Werke der Frühzeit bemerkenswert
, „Der erste Schritt" und „Heimkehr vom
Felde". Sie sind noch nach Vorbildern Millets
gemalt, zeigen aber doch schon die monumentale
Gestaltungsweise seiner späteren Werke. In
seiner „Ernte" hat er wahrhaft die Sonne gemalt
und einen Hymnus auf die Arbeit gesungen
, und sein „Irrenhausgarten in Arles"
zeigt uns, wie er mit seiner dämonischen
Pinselführung Bäume und Steine zu lebendigen
Wesen macht. Schließlich erleben wir in
seinem „Bildnis eines Jünglings" (Abb. S. 440)
die höchste Monumentalisierung nicht nur der
Form und der Farbe, sondern auch des Geistigen
, und können bei dieser Stärke des Eindrucks
kaum noch begreifen, wie der Schöpfer
eines solchen Werkes unbekannt hat zugrunde
gehen können, und daß man noch vor wenigen
Jahren dieses Werk um den hundertsten Teil
dessen erwerben konnte, was es heute kosten
würde. — Wenn man heute gewohnt ist, die
Namen van Gogh und Gauguin immer zu-

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