Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 444
(PDF, 174 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0536
er steht bereits in reifen Jahren und hat die
Gefolgschaft der jüngeren Expressionisten
hinter sich, Bötticher, Marc, Nauen u. a.

Nicht so reich an Zahl, aber nicht minder
bedeutend ist die Abteilung der Plastik. Die
Entwicklung vom Naturalismus zu vereinfachendem
Monumentalstil läßt sich auch
hier klar verfolgen. Bei Meunier, von dem
das Museum die wichtigsten seiner Bronzewerke
enthält, zieht uns heute mehr als die
oft kleinliche Durchbildung der Einzelform das
kraftvolle Typisieren der Arbeitergestalten an.
Und ebenso ist es bei den älteren Werken
von Rodin, dem „ehernen Zeitalter" und der
„Eva" nicht mehr die erstaunliche Beherrschung
des menschlichen Körpers, was wir
bewundern, sondern die Leidenschaft des Ausdrucks
, die diese Gestalten über das Individuelle
hinaus zu Symbolen der Menschheit
werden läßt. Da demnächst noch einige Hauptwerke
Rodins (die „Kauernde" und die „Beethovenmaske
") hinzukommen werden, wird auch
für diesen Künstler das Folkwang-Museum die
Führung in Deutschland haben. Dies gilt bereits
für Maillol (wenn wir die Figur im
Garten der Villa Osthaus hinzunehmen, Abb.
S. 448), und noch mehr für Minne (Abb. S. 443).
Neuklassizismus und Neugotik — mit diesen
Worten könnte man vielleicht die Richtungen
dieser beiden Künstler andeuten, ohne daß
natürlich ihre Selbständigkeit damit in Frage
gestellt wird. Der eine in der träumenden
Stimmung der Spätantike, der andere in der
religiösen Inbrunst der Spätgotik verwandt, erstreben
sie beide das gleiche Ziel: die Figur
mit reichem innerem Leben zu erfüllen. Und
das gleiche erstreben, jeder in seiner Art, die
jüngeren deutschen Künstler, die hier nur dem
Namen nach genannt seien: Albiker,Hoetger,
Haller, Lehmbruck, Kogan und die Künstlerin
Milly Steger, die den Kopf am Schlußstein
des Portals geschaffen hat.

Leider nicht dauernd ausgestellt ist die umfangreiche
Sammlung von Handzeichnungen
und graphischen Blättern, die das Bild der modernen
Kunst, das uns das Folkwang-Museum
bietet, nahezu lückenlos macht.

Mit dieser Uebersicht über den Inhalt des
Folkwang-Museums ist seine Eigenart und Bedeutung
keineswegs erschöpft. Es ist auch
darin für jedes moderne Museum vorbildlich,
daß es einen Zentralpunkt künstlerischer Kultur
bildet und auf seine Umgebung künstlerisch
erziehend und gestaltend einwirkt. So ist es
nötig, auch einen Blick auf die vielfältigen
Ausstrahlungen und Anregungen zu werfen,
die vom Folkwang-Museum ausgegangen sind
und noch ausgehen. Da ist zunächst die Villenkolonie
, die das im Museum gebotene Bild der
modernen Kunst noch nach der Baukunst hin
erweitert. Das Besondere ist hier die städtebaulich
wichtige Anordnung, daß jeder der
hier tätigen Künstler nicht nur ein einzelnes
Haus, sondern einen ganzen in sich geschlossenen
Gebäudekomplex anzulegen hat, so daß
hier allmählich ein städtebaulich harmonisches
Gebilde entsteht. Die Künstler, die bis jetzt
hier geschaffen haben, sind van de Velde,
Peter Behrens und Lauweriks, andere werden
demnächst hinzukommen. Auch sonst sind in
der Stadt bedeutende Architekturwerke entstanden
, von van de Velde eine Villa und ein
Maschinenraum, von Behrens das Krematorium,
ein Hauptwerk moderner religiöser Architektur,
von Lauweriks der Vorraum eines Bankhauses
und die Einrichtung des „Hagener Kunstgewerbehauses
" (einer vorzüglich geleiteten Verkaufsstelle
von guter moderner Möbelkunst und
Kunstgewerbe), von Riemerschmid eine Arbeiterkolonie
. Dazu kommen noch bedeutende
Werke der Monumentalkunst, so das große
Glasgemälde in der Bahnhofshalle von Thorn-
Prikker und die Figuren am Stadttheater von
Milly Steger. Besondere Erwähnung verdient
auch die unter Leitung des kunstfertigen
Meisters Zwollo stehende Hagener Silberschmiede
.

Fast eine gesonderte Betrachtung verdiente
eine Einrichtung, die, direkt aus den Ideen
des Folkwang-Museums erwachsen, heute fast
schon internationale Bedeutung hat: das Deutsche
Museum für Kunst in Handel und Gewerbe.
Dieses Institut (es soll mit der Zeit ein eigenes
Gebäude erhalten) konzentriert alles, was heute
Bedeutendes auf dem Gebiete der angewandten
Kunst geschaffen wird, und stellt daraus Wanderausstellungen
zusammen, die gegen geringen
Entgelt an Museen, Kunstvereine u. dgl. gegeben
werden und so überall als Vorbild und
Anregung wirken sollen. Nur die wichtigsten
Abteilungen seien hier genannt: Reklame und
kaufmännische Drucksachen, Buchgewerbe,
Graphik, Textilkunst, Glasmalerei, Metallarbeiten
, Industriebauten u.a. Seit dem vorigen
Jahre durchwandert eine solche aus allen Abteilungen
zusammengestellte Ausstellung die
Hauptstädte Amerikas und fördert sicherlich
dort die Achtung vor deutscher Qualitätsarbeit.
Das Museum enthält ferner eine Vermittlungsstelle
(Beratung in künstlerischen Angelegenheiten
, Vermittlung zwischen Künstlern und
Fabrikanten u. dgl.), eine Photographien- und
Diapositivzentrale, und gibt sehr schöne Monographien
über die deutschen Meister der Reklame
(Ehmke, Behrens, Klinger, Bernhard,
Gipkens u. a.) heraus.

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