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sind es seit langer Zeit gewöhnt, uns die Arbeit
eines Bildhauers so vorzustellen, daß er zuerst
nach dem lebenden Modell seine Arbeit in Ton
oder in einem ähnlichen Stoff knetet und dann
in Stein oder Holz überträgt. Liegt es nicht
aber schon in dem Worte „überträgt", daß jener
Weg nicht der direkteste sein kann? Der wird
vielmehr erst dann eingeschlagen, wenn der
Künstler mit dem Meißel an den Steinblock
herangeht und aus ihm direkt bis zur Vollendung
seine Figur herausschlägt, ohne sich
eines Tonhilfsmodelles zu bedienen. Dieses
Verfahren war lange Zeit vergessen und erst
Adolf von Hildebrand hat es wiederaufgenommen
und hat dessen Vorteile, Vorbedingungen und
Folgen in der ausgezeichneten Schrift „Das
Problem der Form in der bildenden Kunst"
auch theoretisch begründet. Er hat damit das
Verlangen unserer Zeit nach einer wesensgerechten
Behandlung jeglichen Materials auch
in die plastische Kunst eingeführt, gleichzeitig
die architektonische Bedingung der Raumeinheit
, die in barocken Zeiten verloren zu gehen
pflegt, wieder aufstellend.
Eine solche materialgerechte und direkte Bearbeitung
des Steines erschöpft sich aber keineswegs
in der Entfaltung physischer Kräfte oder
manueller Fertigkeiten, sondern sie bedingt
vielmehr eine fundamentale Aenderung auch
der geistigen Schaffensart. Folgen wir dabei
den Gedanken des für Laien ziemlich schwer
lesbaren, philosophischen Buches von Hildebrand
. Wenn bisher ein Bildhauer sich für
seine Plastik ein Gerüst, das gewissermaßen
großzügig deren inneren Knochenbau darstellte,
anfertigte und mit Ton umgab, so schaffte er
dann die Formen des Werkes gewissermaßen
von innen nach außen zu sich her in einen
äußerlich unbegrenzten Raum. Den beliebig
veränderlichen Raumkörper schuf er damit erst
selbst, diejenigen Formen, die er ihm nicht anknetete
, existierten einfach nicht und ihr Fehlen
zur räumlichen Einheit ließ sich auch durch
keinerlei Maßstäbe nachweisen. Ganz anders,
wenn der Künstler dem unbehauenen Steinblock
gegenübertritt. In diesem Block sind nach
allen Seiten die räumlichen Grenzen unabänderlich
gegeben und voll mit Materie angefüllt
. Man muß die in ihm enthaltenen Formen
des künftigen Kunstwerkes von außen nach
innen herausarbeiten, alle Formen existieren in
ihm und dasjenige Material, das nicht fortgenommen
wird, bleibt als Form in seiner räumlichen
Bedingtheit stehen. Also: beim Tonmodell
entstehen die Formen durch An- und Umkneten
nach außen; dagegen enthüllen sich die Formen
beim Steinblock erst durch äußerliches Wegschlagen
des überflüssigen Materials, wobei eine
Ergänzung nicht möglich ist. Aus diesem Unterschied
ergibt sich, daß der Tonmodelleur die
Formen durch fortwährendes Probieren herausfinden
kann, während sie dem Steinbearbeiter
stets geistig gegenwärtig sein müssen, denn ein
Schlag zuviel kann sein Konzept ganz verderben
. Aber noch andere Notwendigkeiten
die sich aus dem Material ergeben, muß der
Steinplastiker berücksichtigen. Er kann nicht
wie der Tonmodelleur seine Arbeit von allen
Seiten zugleich in Angriff nehmen und fortgesetzt
um sie herumsehen, sondern er kann
nur von einer einzigen Seite an sie herantreten
und sie sich bildmäßig vergegenwärtigen. Da
liegt nun der Block flächig und kantig gesägt vor
ihm. Wird die Form eines kauernden Weibes,
die, wie wir einmal annehmen, der Künstler
modellieren will, in ihm enthalten sein? Ungefähr
ist ja der Block hierfür ausgewählt worden,
aber nun gilt es, genauer zu berechnen: wenn
an dieser Stelle die Spitze des aufgestellten
Fußes die äußere Fläche des Steines berührt,
wo werden die Knie, die Schenkel, der gebeugte
Rücken, der seitlich gewendete Kopf, wo der
auf den Boden gestützte und wo der zur Abwehr
ausgestreckte Arm sich in dem Stein befinden
müssen? Es ist fast unmöglich, eine derartige
geistige Vorstellungskraft und eine solche
manuelle Sicherheit zu besitzen, daß man diese
vielerlei Formen und Ueberschneidungen von
allen Seiten im Geiste ganz deutlich sehen und
sie durch Anhieb von allen Seiten zugleich so
treffen könnte, daß sie alle nachher zu einer
Gesamtform richtig zusammenstimmen.
Man muß also von einer einzigen Seite an
den Stein herangehen, und zwar wird man diejenige
, möglichst glatte Fläche wählen, bei
deren Bearbeitung man auf möglichst viele
Punkte der gesuchten Gestalt gleichzeitig stoßen
wird, auf das Knie, den Ellenbogen, den Kopf
oder auf eine Hand. Michelangelo hat für
dieses seltsame Heraustauchen des Gegenstandes
aus der Materie ein sehr gutes Beispiel
gefunden: den Körper eines Badenden, der
mit Wasser ganz bedeckt ist. Oeffnet man
den Ablaufhahn am Boden der Wanne, so wird
sich der Wasserspiegel überall ganz gleichmäßig
senken, und in schichtweisen Etappen,
oft an mehreren Stellen zugleich, dann wieder
nur an wenigen, wird der Körper trocken
emportauchen; ähnlich so wird der Bildhauer
eine Flächenschicht nach der anderen vom
Steine abmeißeln müssen, nur die heraustretenden
Formen der künftigen Plastik stehen
lassend. Dieses später rundplastische Gebilde
denke man sich also in ungezählten Querschnitten
übereinandergeschichtet, die nacheinander
aus der sinkenden, weggemeißelten
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