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In dem Stein vertieft sich allmählich das Relief
Kaufmann konnte von ihm die Höhen, Breiten
und Tiefen abmessen, innerhalb deren er sich
bei seiner Gestaltung zu halten hatte. Er zog
es vor, statt direkt in den Stein zu arbeiten,
im Atelier ein Tonmodell herzustellen (Abb.
S. 451). Leider sind Tonmodelle nicht so lange
haltbar, wie ihre Uebertragung in Stein dauern
würde; sie werden, trotz Bedeckung mit nassen
Tüchern in den Ruhezeiten, schnell von der
Luft ausgetrocknet, erhalten Risse und formzerstörende
Sprünge. Der Künstler mußte also
sein Tonmodell noch einmal abformen lassen,
und zwar in Gips, der sich sehr schnell erhärtet
und haltbar bleibt. Der Gips wurde
einfach mit der Kelle auf das Tonmodell aufgespritzt
und dann mit Zement hinterschmiert,
in den man, um ein Auseinanderbrechen der
großen Form zu verhindern, Draht- und Eisenteile
als Gerippe eingelegt hatte. Auf Seite 451
sehen wir das Tonmodell halb mit Gips bespritzt
und dann mit Zement beschmiert; auf S. 452 oben
wird die erhärtete Gipsdecke vom Tonmodell
abgenommen, und birgt nun auf ihrer Innenfläche
seine ziemlich genaue negative Form. Diese
negative Form wird nochmals mit Gips ausgegossen
und liefert nun so ein positives Gips-Abbild
des Tonmodells; es kann vom Künstler nachgearbeitet
werden, um zu versuchen, die beim
doppelten Guß verlorengegangenen Feinheiten
wieder herzustellen, wobei aber die erste Zartheit
und Ursprünglichkeit der Tonarbeit nur in
seltenen Fällen wieder erreicht wird. Bei dem
hier abgebildeten, in seiner Ausdrucksweise
linearen Relief ist es aber dem Künstler gut gelungen
. Nun heißt es, die Formen des korrigierten
Gipsmodelles auf dem Stein zu wiederholen
. Mit Hilfe eines geometrischen Systems
werden diejenigen Punkte, deren erstes Auftauchen
aus der Fläche wir ja schon von der
direkten Steinbearbeitung her kennen, auf dem
Gipsmodell gesucht und mechanisch auf den
genau entsprechenden Stellen der Steinoberfläche
wieder notiert. Zwischen ihnen werden
die unnötigen Steinstücke herausgemeißelt und
darauf neue Punkte mit Hilfe der Zirkelung
bestimmt, und so fort, bis das ganze Relief
auf dem Stein wieder entstanden ist. Das ist
eine langwierige und im Grunde unkünstlerische
Arbeit; sie wird deshalb meist von einfachen
Steinmetzgesellen ausgeführt. — Ebenso wie
ein Relief wird auch eine Rundplastik, Figur
oder Büste, vom Ton in Gips übertragen und
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Dasselbe in fortgeschrittenem Stadium
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