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MAX LIEBERMANN
REITERIN
XXVI. Ausstellung der Berliner Secession. — Mit Erlaubnis von Paul Cassirer, Berlin
Mattsse war wohl schon einmal gezeigt
worden, aber man hatte ihn den Lachern preisgegeben
. Diesmal stellt man ihn mit seinem
großen „Tanz" in das Zentrum der Ausstellung
(Abb. S. 457). Der große Saal wurde
mit drei rundbogig schließenden Tordurchbrüchen
nach rückwärts geöffnet, und dort hinten
in einem Räume allein und nur zusammen
mit Plastiken ist die große Leinwand aufgestellt
. So ist ihre Bedeutung auch äußerlich
betont, wenn man auch zweifeln muß, daß
viele sie heut schon ganz zu ermessen vermögen
. Denn dieser „Tanz" ist in seiner
Zurückführung auf die einfachsten Formangaben
keineswegs, was er den meisten heut
noch scheint, und das gerade Gegenteil von
Plakat oder Dekoration. Diese Linien sind
nicht als solche leichthin erfunden, sondern
sie sind aus dem eingehendsten Körperstudium
entstanden. Die Akte sind nicht in
einen gewollten und vorausbestimmten Rhythmus
eingezwungen, sondern aus dem Reigen
selbst ist diese letzte Kristallisation des Kreisschwunges
abgeleitet. Die Form ist zum Träger
nur eines, aber des allerstärksten Ausdrucks
geworden, und wie in den sparsamsten Linienmitteln
, so ist in nur drei Farben der ganze
Zauber des Stofflichen eingefangen.
An einem einfachen Stilleben mit einem
Alpenveilchen wird man den Sinn der farbigen
Oekonomie, die Matisse übt, leichter
begreifen als an dem in jedem Betracht heut
noch schwierigeren „Tanz". Hier kann man
es unmittelbar sehen, wie die Palette auf ganz
wenige Farbtöne beschränkt ist, um diese dann
in ihrer ganzen Reinheit zum Klingen zu
bringen. Aber auch in der Komposition ist
ein solches unscheinbares Stilleben ebenso
meisterlich abgewogen wie das große Bild.
Auch hier ist keine Linie zufällig, jede Träger
eines Ausdrucks, und das Ganze nicht ein abgemalter
Blumentopf, sondern etwas wie der
Typus seiner Gattung.
In dem Hauptsaale der Jungen ist diesem
Stilleben des Matisse mit zwei anderen Bildern
seiner Hand der Ehrenplatz gegeben, um auch
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