http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0556
hier den Rang der Dinge zu bezeichnen. Auf
vielfachen Wegen geht auf Anregungen des
Franzosen zurück, was hier von Werken junger
Deutscher gezeigt wird. Als sein unmittelbarer
Schüler bekennt sich offen Oskar Moll,
der sich in die Harmonien einer eng begrenzten
Skala reiner Farben einzufühlen bestrebt.
Auch Hans Purrmann, dessen starke Begabung
dem unmittelbaren Einfluß seines Lehrers
lange widerstand, geht jetzt ganz auf die koloristischen
Probleme des Matisse ein, aber die
Farben seiner südlichen Landschaften haben
diesmal etwas allzu Materielles und zu wenig
überzeugende Beziehung auf die Dinge, die
sie vorstellen wollen.
In viel höherem Maße trifft dieser Vorwurf
den Münchner Adolf Erbslöh, dessen
Landschaft leuchtet wie ein von rückwärts
belichtetes Glasfenster und dessen buntfar-
bene Akte (Abb. S. 464) ebenso nicht den Versuch
machen, die koloristische Bildharmonie
mit dem natürlichen Vorwande in eine mögliche
Parallele zu bringen.
Besser schneiden die jungen Berliner ab.
Die anderen Mitglieder der „Brücke" sind
nun Pechstein gefolgt, der schon im vorigen
Jahre seinen Einzug in die Secession gehalten
hatte. Pechstein (Abb. S. 464)
war jüngst in einer Kollektivausstellung
besser vertreten und besser zu beurteilen
als mit den nicht glücklich gewählten drei
Bildern hier, die zu gleichmäßig gestimmt
sind und ihn nur von einer Seite zeigen,
von der Seite der zunehmenden Beruhigung
, die eine neue Vertiefung in die
umgebenden Dinge bedeutet, mit der aber
zugleich ein Nachgeben verbunden ist,
eine gewisse Weichheit, die allerdings
ersichtlich nur das Durchgangsstadium
bezeichnet, in dem sich der Künstler
heute wieder befindet. An unmittelbarer
Schlagkraft ist das Blumenstilleben, das
Schmidt-Rottluff ausstellt, entschieden
überlegen. Es ist in diesem Bilde eine
Energie des farbigen und formalen Ausdrucks
, die über die Gewaltsamkeit ganz
und gar hinweghilft und zu rückhaltloser
Anerkennung zwingt. Reicher vertreten,
und vielleicht auch darum problematischer
sind Heckel und Kirchner. Erich
Kirchner spricht am reinsten in der
Hafenlandschaft, die in ihrer starken Vereinfachung
an Matisse erinnert. Die wohltuende
Klarheit des Franzosen wird aber
im Vergleiche offenbar. Kirchner ist noch
genötigt, die Dinge zu zwingen, damit sie
in sein Linien- und Farbengerüst hineinpassen
, und er kann auch nicht auf das
gegenständlich Auffallende verzichten,
das in seiner „Tänzerin" (Abb. S. 470)
sich unangenehm aufdrängt. Derselbe
Vorwurf trifft E. L. Heckels „Sterbender
Pierrot" (Abb. S. 478), der übrigens
schön und wirkungsvoll in den Raum gestellt
ist. Am interessantesten von seinen
drei Bildern ist das „Bad im Freien", das
aus den primitivsten Raumkompositionen
etwa der Buschmannmalereien neue
Schönheiten herzuleiten versteht.
j e. de fiori Jüngling (bronze) Wir sind nun einmal müde geworden
/ xxvi. Ausstellung der Berliner Secession der raumtäuschenden Zentralperspektive.
462
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0556