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leo bauer
modellpause
Große Kunstausstellung Stuttgart
seiner Mahnung an Rodrigo andeutet, dazu
gebracht werden konnten, ihre Erstlingswerke
anstatt gewohntermaßen in Berlin, München,
Dresden, diesmal zuerst in Stuttgart auszustellen
. Denn Erstlinge wollte man, frischgepflückte
Früchte vom Baume der Kunst,
nichts von dem — und sei es noch so vortrefflich
- - was man schon seit Jahren kennt.
Man sparte also, man sparte schon seit einigen
Jahren, der Staat sowohl als die Vereine,
die der Kunst dienen. So kamen denn die
Künstler, denen die wahrlich nicht beneidenswerte
Aufgabe zufiel, in allen berühmten und
angesehenen deutschen Künstlerateliers bestimmte
, mitunter kaum angefangene, aber vielversprechende
Werke für die Stuttgarter Ausstellung
zu sichern, durchaus nicht mit leeren
Händen; sie werden so manchesMal den Schleier
vor dem goldenen „Ding an sich" etwas gelüftet
haben. Und das Resultat ist ein recht
erfreuliches geworden: eine auf 20 Räume
und eine für große plastische Werke geschaffene
Gartenanlage verteilte Ausstellung von
785 Kunstwerken, und damit eine jener modernen
delikaten Veranstaltungen, die man genießen
kann, ohne zusammenzubrechen. Neben
334 Werken der Graphik, 136 der Plastik,
52 Plaketten und Medaillen finden wir 302
Gemälde in Oel und Tempera, darunter zirka
78 von württembergischen, die übrigen von
auswärtigen aber nur deutschen und zirka 35
von ausländischen Malern. Dieses Stück Ausland
trägt im übrigen einen retrospektiven
Charakter; es bringt fast nur Franzosen, wie
Manet, Daumier, Degas, Monet, Renoir,
Sisley, Pissarro, Cezanne,Gauguin, v.Gogh
usw. und stammt zum Teil aus der Tschudi-
stiftung in der Münchner Pinakothek, zum
anderen aus französischem undschweizerischem
Privatbesitz.
Psychologen, die sich als Spezialität ihrer
Studien die Künstlerseele gewählt haben,
werden wohl kaum erstaunt sein, wenn ich
ihnen erzähle, daß die Mehrzahl unserer einheimischen
schwäbischen Maler ob dieses
Programms nichts weniger als entzückt war.
Denn während von auswärts, also von Nicht-
Württembergern nur eingeladene Werke angenommen
wurden, war den Württembergern
zwar freie Einsendung gewährleistet, aber ihre
Arbeiten unterstanden einer Jury. Doch ich
will heute auf jenen dies irae, dies illa nicht
zurückkommen, zumal von jedem unbefangenen
Ausstellungsbesucher zugegeben wird, daß sich
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