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V
ALFRED SCHMIDT
SOMMERIDYLLE
Große Kunstausstellung Stuttgart
die schwäbische Kunst inmitten der deutschen
Konkurrenz ganz prächtig behauptet. Einen
gemeinsamen Zug schwäbischer Eigenart wird
man bei dieser einheimischen Kollektion vergeblich
suchen; auch wir Schwaben sind in
der Malerei international geworden, haben wir
doch heute sogar unsere eigenen ortsansässigen
Kubisten. Nur die beiden Freunde von
Theodor Schüz, dieser Inkarnation aller schwäbischen
Heimatkunst, Albert Käppis und Julius
Kornbeck, die leider in der Ausstellung nicht
vertreten sind, schlagen noch solche Klänge
an. Auch der Einfluß von O. Reiniger, der
früher stark hervortrat, ist nur noch ganz vereinzelt
zu verspüren; von den lebenden undmaß-
gebenden Künstlern unserer Stadt haben A. Holzel
, Chr. Landenberger und vielleicht noch
Friedrich Keller Wirkungen auf die heranwachsende
Generation ausgeübt. Chr. Landenberger
hat neben einem fein abgestimmten
Kircheninterieur ein religiöses Bild gebracht,
das den Maler badender Knaben am sonnigen
Ammersee von einer neuen Seite zeigt. Und
von einer interessanten dazu; in dem „Karfreitag
" (Abb. geg. S. 505) ist dem Künstler ein
Werk von feinem seelischen Ausdruck gelungen
. Die in ihrem Schmerze zusammenbrechende
Maria, gestützt von dem originell
charakterisierten Johannes und von Magdalena
bilden eine ganz eigenartige und ergreifende
Gruppe. Und das alles in einer Malerei, die
in ihrer Leichtigkeit des Entstehens, in ihrer
Freiheit von aller Erdenschwere von unsäglichem
Reiz ist und nur vielleicht in ihrer
leuchtenden Farbenfreudigkeit mit dem tieftraurigen
Motiv nicht ganz im Einklang steht.
Es ist eigen, daß die Abteilung der religiösen
Bilder vielleicht das Bedeutendste in
dieser Ausstellung bringt. Ich denke hier an
Ludwig Herterichs „Kreuzabnahme" mit den
groß und breit geformten Gestalten, mit dem
mächtigen Schwung in der malerischen Komposition
, die bereits unserer Staatsgalerie angehört
und die ich mir doch am liebsten in
einer hell aufleuchtenden Barockkirche, von
verblaßten schönen Kirchenfahnen umrauscht
denken möchte; ich denke ferner an C. J.
Becker-Gundahls große dreiteilige „Kreuzigung
", die gleichfalls schon für unsere Staatsgalerie
erworben ist und aus deren Gestalten
mit ihrer Herbheit und Innerlichkeit des Ausdrucks
ein den altdeutschen Meistern verwandter
Geist von naivem Ernst spricht (Abb. S. 517).
Nur schade, daß das große Mittelstück mit
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