Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 542
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0642
Michelangelo und Rembrandt ganz und allein
aus sich selbst geschöpft, ein Shakespeare und
Goethe sich je geschämt hätten, die diversen
Einflüsse, denen sie unterworfen waren, vor
aller Welt bloßzulegen, ein Beethoven und
Wagner ihre Musik aus den Wolken gezogen
hätten! Dazu eben sind die großen Tatsachen,
Taten und Errungenschaften da, daß man sie
respektiert, beherzigt und auf ihrer Basis weiterbaut
! Nicht dazu, daß blinde Anmaßung sie
zum alten Eisen werfe und die ganze Kunstgeschichte
wieder von vorne beginne! Wie ja
auch kein vernünftiger Mensch bei der Entdeckung
des Radiums daran dachte, Wasserdampf
und Elektrizität zu beseitigen, kein
seriöser Arzt die medizinische Wissenschaft
eines Serums oder Lebenselixiers wegen, dessen
Herstellung ihm einmal gelingen sollte, als

leeren Dunst verleugnen und verachten wird----

Kubisten, Futuristen, Expressionisten . . . die
Titel fliegen nur so in der Luft. Bünde entstehen,
kühne Neuerer tun sich zu Wahlverwandtschaften
zusammen, Programmschriften geben das
Zeichen zum Losschlagen, und die Kunsthäuser,
Kunstsalons und Kunstausstellungen füllen sich
gleichsam über Nacht mit den durch Posaunen-
und Trompetenton avisierten Produkten einer
neuen,ungeahnten und bahnbrechenden „Höhenkunst
". In Paris, in München, in Dresden und
in Berlin, in allen größeren Kunstzentren machen
sie sich breit, erregen sie Staunen und Verwunderung
, Kopfschütteln und Lachen. Und
auch Zürich hat sein Teil, sah das Wunder
und freut sich aufs neue der exotischen Pracht
dieser Kunst aus den Stuben großer Kinder,
künstlerischer Wiedertäufer, raffiniertester — ja,
warum es nicht aussprechen, was Hunderttausende
doch denken! — raffiniertester Bluffer!
Oder was ist der Großteil dieser expressionistischen
Machwerke anders als Bluff? Diese
freche Jongliererei mit faszinierenden und andern
Farbflächen? Diese unheilvolle Auflösung
jeglicher Form! Diese ambitiöse Emporsprei-
zung einer öden Inhaltslosigkeit zum seelischen
Extrakt einer exzeptionellen Individualität! Man
zeige uns das Große, Ernste in dieser Kunst,
und wir stehen nicht an, sie als das zu nehmen,
was sie zu sein vorgibt. Bis dahin aber lasse
man uns zweifeln, belasse man uns in der
gesunden Ueberzeugung, daß eine Kunst, die
mit ihrer Formenwelt nicht in der Wirklichkeit
fußt, den Erfahrungen und Tatsachen von Jahrtausenden
Hohn spricht und die fundamentalste
Voraussetzung aller künstlerischen Gestaltung:
die Form, als überlebt verwirft, auf Achtung
keinen Anspruch hat. Daran ändert auch der
Umstand nichts, daß viele ihrer Produkte von
Leuten stammen, die es mit ihrem Wahne ernst

meinen (auch Genies können Irrwege wandeln,
ohne daß der unbeteiligte Betrachter gezwungen
ist, die Folgen davon genial zu finden!) und
in anderer Richtung ganz Erkleckliches geleistet
haben, und ebensowenig rüttelt daran die oft
geradezu faszinierende Wirkung diverser Farbenkombinationen
. Wenn es in der Kunst darauf
allein ankäme, dann dürfte man mit gleichem
Recht auch die stümperhaften Malversuche von
Kindern als Kunstwerke ansprechen, denen
man da und dort in der Wohnung oder im
Atelier eines Malers begegnet. Sie haben vor
den Produkten ihrer kindisch gewordenen oder
sich gebärdenden erwachsenen Kollegen überdies
den Vorzug der Echtheit und den größerer
formaler Wahrheit voraus. Und der wiegt in
der Kunstwertung mehr, als noch so intensive
Farbenräusche, die schließlich doch nichts anderes
sind und sein wollen, als eben „Räusche",
und die daher gleich diesen Ernüchterung und
moralischen und physischen Katzenjammer im
Gefolge haben. .. .

Bluff, das ist der Ausdruck, der diesen
modernsten Exzentrika entspricht. Weil ihre
Schöpfer anders sich nicht Geltung und einen
Namen zu schaffen verstehen, weil ihre Fähigkeiten
zu wahren Kunstwerken nicht ausreichen,
weil sie, endlich, Neues nicht produzieren
können, während solches von ihnen doch verlangt
wird, . . . bald aus jenem, bald aus diesem
Grunde greifen sie zum Streusand, um ihn
dem anmaßenden und schwer zu befriedigenden
Forderer Publikum in die Augen zu stieben.
Verbrechen? O nein! Nur Notwehr! Man
wollte es ja so. Und nun hat man's, und es
steht uns nun schlecht an, Klage darüber zu
erheben und zu führen. Denn diese „Kunst"
— wir müssen's zugeben — ist wirklich und
wahrhaftig „neu". Und weil sie das ist, ist
sie auch „persönlich". Und weil sie persönlich
ist, sind ihre Schöpfer alle „Persönlichkeiten
". . . So schließt man wohl da und dort,
wo die Begriffe sich verwirren, wo Exzentrizität
und fratzenhafte Originalität gleichbedeutend
sind mit Individualität und Schöpferkraft von
eigensten Gnaden. Der von wüster Modekrankheit
Unbefleckte aber lächelt und geht
kopfschüttelnd vorüber. Diese Kandinsky, De-
launey und Fauconnier und wie sie alle heißen,
denkt er, sind ein eigentliches Strafgericht,
eine böse Antwort auf tausendjähriges Malerelend
, unerträgliche Künstlermisere. Die bittere
Notwendigkeit hat sie gezeugt, Armut und
Hunger haben ihnen zu Gevatter gestanden.
Solange der Künstler kämpfen muß um sein
tägliches Brot, ohne es immer auch zu erlangen
, solange wird er sich dafür rächen, in-

dem er Kunstapostate, Kaufmann wird und

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