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Hanusch, ein intim schaffender Künstler mit selbständiger
Art, stellt hier zum ersten Male in größerer
Kollektion aus. Von besonderer koloristischer Wirkung
ist der Saal von Max Wislicenus. Seine
phantastischen Kompositionen sind in feiner Farben-
gebung gehalten und besitzen einen lyrischen, etwas
sentimentalen Einschlag. Von ihm stammen ein
paar gute Porträts und einige sehr feine Landschaften
. Ueberhaupt dürfen die jüngeren Schlesier
ganz besonders auf ihre Landschaftskunst sich etwas
zugute halten. Obenan stehen der feinsinnige
Alfred Nikisch, der im besten Aufstiege sich
zeigt, dann der charaktervolle Eugen Burkert,
das Künstlerehepaar Tüpke-Grande, S.Härtel
und Nicolaus. Auch die figürlichen Malereien,
Porträts und Kompositionen von A. Busch halten
sich auf trefflichem Niveau. Von Interesse sind
die oberschlesischen Tracbtenbilder F. W. Voigts,
von dem auch ein gutes Porträt, Ehrlich in seinem
Laboratorium, herrührt. Einige sehr feine Arbeiten
sandte der rasch zu Erfolgen gelangte Paul
Plontke.
Schlesien hat der deutschen Kunst viele große
Maler geschenkt. Wenn diese sich außerhalb ihrer
Heimat entwickelt haben, so lag das an dem geringen
Zutrauen und der ungenügenden Unterstützung von
Seiten der Landsleute. Es ist hier mittlerweile
anders geworden, die Kunst findet Eingang in alle
Kreise und die Nachfrage ist lebhaft. Das zeigen
auch der über Erwarten zahlreiche Besuch der Ausstellung
und die vielen Verkäufe, über welche die
Geschäftsleitung, die in den bewährten Händen des
Kunsthändlers Paul Mehnert aus Posen liegt, berichten
konnte. Dr. e. Loeschmann
NEUE KUNSTLITERATUR
M eie r-G räf e, J u 1 i us. Wohin treiben wir?
M 1.50. Berlin, S. Fischer Verlag.
Meier-Gräfe schüttelt sich die unerwünschte Gefolgschaft
der Cezanne-Ueberbieter, der van Gogh-
Ueberholer mit einem energischen Ruck und mit
deutlich zur Schau getragenem Widerwillen von
den Rockschößen. Er wirft diesen jungen, bewußten
Leuten ein spitziges Kampfwort Goethes hin:
„Unseren jungen Malern fehlt es an Gemüt und
Geist, ihre Erfindungen sagen nichts und wirken
nichts; sie malen Schwerter, die nicht hauen, und
Pfeile, die nicht treffen, und es drängt sich mir oft
auf, als wäre aller Geist aus der Welt verschwunden
." Es ist eine bittere Wahrheit, die Meier-Gräfe
mit seiner Broschüre denen zu schmecken gibt, an
deren Vorhandensein ein vielleicht mißverstandenes
Ausdeuten von Meier-Gräfes eigenen Kunsttheorien
dieSchuld trägt.Welch ein Unheil,ohnedaß eres selbst
wollte, sein Kultus mit den an der äußersten Linie
des Möglichen stehenden Künstlern angerichtet hat,
tut sich ihm nun schaudernd kund, aber er ist Mannes
genug, für sein Teil sich gegen diese Jüngerschaft
zu wehren und vor ihr zu warnen, und nicht
einfach zu fliehen oder die Hände in den Schoß
zu legen. Er schreibt diesen Allzufixen ein Sätzlein
ins Stammbuch wie dies: „Man macht die bittere
Erfahrung, daß es heute leichter ist, im Zeichen
der Cezanne und van Gogh ein Ultramoderner zu
werden als ein echter, rechter Kitschmaler im
Gefolge der Carolus Duran und Bouguereau; ganz
so wie es viel schwieriger ist, einen ordentlichen
Hintertreppenroman zu schreiben als schlechte freie
Rhythmen, die von fern wie Literatur klingen. Routine
ist das Vergessen des Zwecks über dem Mittel.
Sie ist nicht weniger blöde, ob sie einem erhabenen
oder einem niedrigen Vorbild entlehnt wird, bleibt
dasselbe, ob sie eine flaue Apotheose Kaiser Wilhelms
, ein gelecktes nacktes Frauenzimmer oder
einen taumelnden Eiffelturm, ein aus Dreiecken
konstruiertes Gesicht darstellt." — Ob Meier-Gräfes
bis zur Drastik deutliche Sprache etwas helfen
wird? Und was wird sein, wenn die Krankheiten
der zeitgenössischen Kunst überwunden sind? Wohin
treiben wir tatsächlich und welche Mittel gibt's,
eine allzu plötzliche Dekadenz hintanzuhalten?
Auch darauf bleibt uns der Autor die Antwort, die
traurige Antwort, nicht schuldig ... Ad 1: ... „Das
Erschreckende ist, daß die Zeichen nicht allein
kommen, daß die Ader des Schöpferischen in demselben
Moment zu versiegen scheint, in dem uns
die Einsicht in die vergehenden sozialen Existenzbedingungen
der Kunst immer deutlicher wird."
Ad 2: „Was können wir tun? Wenig ersprießlich
wäre es, den malenden Figuranten in Paris und
bei uns und anderswo vorzuwerfen, was eine größere
Macht sie tun heißt. Wir haben ihnen höchstens
zu danken, daß sie sichtbarer machen, was einmal
gesehen werden muß. Nichts können wir tun als
sehen lernen. Sähen wir wirklich die Gefahr, so
würde allein schon die Erkenntnis, wohin wir vielleicht
treiben, uns eine Gemeinsamkeit geben, die
uns heute am schmerzlichsten fehlt ... Nur das
kann erstrebt werden, eine stille Minorität zu erziehen
die durch das geräuschvolle Gewühl
der Gegenwart hindurch den Tiefstand des zeitgenössischen
Idealismus erblickt und sich entschlossen
, ohne Furcht für reaktionär zu gelten,
von diesem Getriebe wegwendet und den Pakt
mit dem scheinbar zeitlich Bedingten weigert . .."
Mögen sich das alle Snobs gesagt sein lassen!
Mögen aber auch alle ernsten Sammler, Museumsleute
und Kunstfreunde die beherzigenswerten
Worte eines Mannes, der über den Verdacht des
Reaktionärs erhaben sein müßte, getreulich hören.
An ihnen ist es, mitzuwirken, aus der heillosen
Wirrnis der zeitgenössischen Kunst einen gangbaren
Weg herauszufinden. Mögen sie sich dabei
der Macht des Konsumenten in Kunstfragen bewußt
sein! g. j. w.
Neue Feuerbach-Literatur. Dr. Emmy
Voigtländer, Anselm Feuerbach. Versuche einer
Stilanalyse.Leipzig,E. A. Seemann.2M. — Hermann
U hde-Bernays, Feuerbach. Des Meisters Gemälde
in 200 Abbildungen („Klassiker der Kunst",
XXIII), Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt. 8 M.
Anselm Feuerbach hat einmal seiner Mutter folgende
Worte geschrieben: „Glaube mir, nach fünfzig
Jahren werden meine Bilder Zungen bekommen und
sagen, was ich war und was ich wollte." — Es hat
dieser weitgegriffenen Spanne Zeit nicht bedurft —
kaum ein paar Jahrzehnte nach des Künstlers Tod
(4. Januar 1880) war Feuerbachs Ruhm in alle Welt
gedrungen, und heute haben wir schon eine veri-
table Feuerbach-Literatur, die in der Hauptsache
die forscherische und darstellerische Arbeit des letzten
Jahrzehnts ist. Diese Feuerbach-Literatur wird
durch das Buch Emmy Voigtländers, das von der
philosophischen Fakultät der Universität Leipzig als
Dissertation angenommen wurde, und durch das
abschließende Reproduktionswerk von Uhde-Ber-
nays, dem erfolgreichsten und verdientesten Feuerbach
-Forscher, dem besten Feuerbach-Kenner dieser
Zeit, aufs wertvollste bereichert. — Wenn Emmy
Voigtländer an die Kunst Feuerbachs in der Absicht
herantritt, seinen Stil (Stil im Sinne der äußer-
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