http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0651
sten Möglichkeit künstlerischen Ausdrucks, der die
persönliche Form im Wertgrad der Allgemeingültigkeit
an die Stelle des Zeitstils setzt) zu analysieren,
indem sie sich an die Erscheinung der Werke selbst
hält und sie entwicklungsgeschichtlich betrachtet,
so ist dies — so unglaublich es klingen mag — etwas
durchaus Neues. Denn man hat es bisher immer
mit jener Art Feuerbach-Einwertung zu tun
gehabt, deren Tendenz Richard Muther in den Satz
preßte: „Feuerbach ist ein Problem mehr der psychologischen
als der künstlerischen Analyse" (beiläufig
bemerkt, charakterisiert Muther damit Feuerbach als
den ausgesprochenen Antipoden Wilhelm Leibis). An
dieser Anschauungsweise trägt vor allem das „Vermächtnis
" die Schuld, denn es malt uns auf den Hintergrund
eines schweren Lebens- und Schaffenskampfes
die Lichtgestalt einer exzeptionellen Persönlichkeit
. Da es aber vor allem das „Vermächtnis" war, das
den Ruhm Feuerbachs in die Welt trug, so hat man
sich daran gewöhnt, den Künstler nur als den Helden
dieses merkwürdigen Buches anzusehen und somit
jedes einzelne seiner Bilder zum „Vermächtnis"
in Beziehung zu setzen. — Insoferne ist, vom
Standpunkt ästhetischer Reinlichkeit aus, die streng
festgehaltene formal - künstlerische Anschauungsweise
Emmy Voigtländers hoch begrüßenswert, und
das Resultat dieses Versuchs beweist, daß Feuerbachs
Kunst auch in objektiver Betrachtung, völlig
losgelöst vom Persönlichen, ihres Wertes nicht das
Mindeste einbüßt. — Wie eine Ergänzung zu der
Arbeit Emmy Voigtländers, aber natürlich als selbstständige
Erscheinung deshalb nicht weniger bedeutungsvoll
, ist soeben eine Publikation von Hermann
Uhde-Bernays erfolgt: ein großer, im Rahmen der
„Klassiker der Kunst" erschienener Bilderkatalog
des Feuerbachschen Gesamtwerkes. Auch hier ist,
mit Ausnahme eines sehr feinsinnigen, im Stil romanischer
Essays geschliffenen einleitenden Aufsatzes
, der namentlich das Pathetische in Feuerbachs
Kunst sehr überzeugend erklärt, den Bildern an
sich, den Bildern als Eigengebilden, losgelöst vom
Psychologischen, das Wort gegeben. Es ist nun für
den sinnierlichen Kunstfreund ein ganz besonderer
Genuß, abstrahiert von allem Persönlichen, das uns
das „Vermächtnis" und die Briefpublikationen in so
überreichem Maße imputieren, diese gutgelungenen
Reproduktionen durchzublättern und zu suchen,
selbst zu einer Vorstellung von Feuerbachs Stil zu
gelangen, dann aber zu hören, was Emmy Voigtländer
als das Stilbildende und Stilberechtigende
an Feuerbach erscheint. Es wird dann an Zustimmungen
ebensowenig fehlen als an Widersprüchen,
indessen kann darauf an dieser Stelle leider nicht
eingegangen werden. Zu Uhde-Bernays' Publikation
ist noch zu bemerken, daß der Katalog abschließende
Bedeutung hat, daß der Autor durch
Beibringung bisher unbekannt gebliebener Werke
Feuerbachs auch forscherische Arbeit geleistet
hat, daß Anordnung, Datierung, Maßangaben usw.
von einer Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit
sprechen, die das Werk zu einer jener ernsten
, gelehrten Arbeiten stempeln, die uns auch
im gründlichen Deutschland nur an hohen Festtagen
begegnen.
WILHELM HAMBÜCHEN
Große Kunstausstellung Düsseldorf
DÄMMERUNG
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