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auch des Malers Delacroix einen neuen Aktuali- (
tätsreiz bekommen hat. l
Der Band, dem außer dem schönen Selbst
nal oder die beiden Briefbände, war im wesentlichen
Persönlichstes, wie es der Augenblick
geboren hatte: in seinen Essays stellt es sich
in der Form dar, in der Delacroix selbst es
der Oeffentlichkeit gegeben hatte. Sie waren
bisher so gut wie verschollen in den alten
Bänden der Revue des deux Mondes, der
Beaux Arts, in bei uns kaum zugänglichen
Jahrgängen des Moniteur, der Revue de Paris,
des Plutarque francais mußte man sie suchen
gehen; denn die einzige Sammelausgabe, die
Delacroix' Freund Piron 1865 anonym publiziert
hatte, war nur in einer ganz kleinen
Auflage gedruckt und fast noch schwerer aufzutreiben
als die Zeitschriften. Die Ueber-
setzung Meier-Gräfes entreißt die Arbeiten
ihrer unverdienten Vergessenheit und stellt
sie als einen Spiegel und Maßstab und zugleich
wie eine Mahnung in die vorworrenen
Bestrebungen der Gegenwart, in der das Bild
porträt Delacroix' Reproduktionen von elf zum I
Teil sehr reizvollen Handzeichnungen des Malers '
beigegeben sind (ein stehender Frauenakt bleibt 1
besonders im Gedächtnis), enthält im ganzen 1
17 Aufsätze, im wesentlichen das, was die Piron-
sche Sammlung brachte, unter Hinzufügung des
den Briefen entnommenen großen Sendschreibens
über die Frage des künstlerischen Wettbewerbs
, das Delacroix an Achille Ricourt,
den Herausgeber des „Artiste", richtete und
das in diesen Heften seinerzeit zuerst deutsch
veröffentlicht wurde.
Fast die Hälfte der Essays ist biographischer
Natur. Raffael und Michelangelo, Poussin und
Puget, Gros und Prudhon werden mehr oder
weniger ausführlich behandelt — die großen
Vorbilder, zu denen er aufblickte, Zeitgenossen,
die er verehrte oder die seiner
s Meinung nach nicht die ihnen gebührende
Beachtung fanden. Mit
der schönen Wärme der Hingebung
an die Sache steht in wunderlichem
Gegensatz die strenge Kühle der
Form, das Distanziierte, das er dem
eigenen Gefühl zu geben rang. Er
begnügte sich nicht mit der Aufzeichnung
von Fakten und Meinungen
: er rang im Begrifflichen
um die formale Geschlossenheit 1
mit der gleichen Energie wie im
Anschaulichen. So ergibt sich die
Tatsache, daß Aufsätze wie der ,
über Poussin von einer literari- |
sehen Kultur der Form sind, die |
man bei ähnlichen Versuchen heu- |
tiger Künstler nicht findet. Das I
Universale der Art Delacroix' be- j
ruhte auf einer so konsequenten '
Durchbildung seiner seelischen
Substanz, daß letzten Endes jede
seiner Aeußerungen, von den Bildern
bis zu den Briefen, nur unter i
dem gleichen Gesetz Wirklichkeit \
gewinnen konnte.
Diese literarischen Qualitäten (
der Essays bleiben bei allem Reizvollen
indessen zuletzt doch sekun- }
där gegenüber den Erkenntnissen 1
des Menschen und des Künstlers, \
die sie umschliessen. Das Histori- )
sehe mag in mehr als einem Punkt rj
heute von der Forschung überholt \
sein: die Bekenntnisse, das Tage- C
walter schnackenberg der flieger lindpaintner buchmässige bleibt bestehen und k
Münchner Giaspaiast 1913 beweist seine Zeitlosigkeit durch w
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