Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 574
(PDF, 174 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0676
rum sind unsere vergangenen Genüsse in der
Erinnerung viel stärker, als sie in Wirklichkeit
waren? Warum verweilt unser Sinnen so
gern an Orten, die wir nicht wiedersehen werden,
wo unsere Seele Glück empfand? Warum —
wie grausam und traurig zeigst du dich, Natur,
in dieser mächtigen Gabe!—Warum verschönt
die Erinnerung unsere Freunde, wenn wir sie
verloren haben? Weil im Denken, das sich
der Regungen des Herzens erinnert, dasselbe
vorgeht, wie wenn sich die schöpferische Kraft
seiner bemächtigt, um die wirkliche Welt zu
beleben und daraus Geschöpfe der Phantasie
zu gewinnen. Dann „komponiert" das Denken,
das heißt, es wählt und veredelt. Man kann
nicht denken, ohne zu veredeln. Dafür sind
schon unsere Vorurteile da. Die meinen zum
Beispiel unterscheiden sich in allem von denen
meines Nachbarn. Worin bestehen sie? In
meiner Art das Ding, das ich sehe, zu idealisieren
, das heißt, es in meiner Art zu komponieren
. Das meinte ich, wenn ich anfangs

sagte (in der oben zitierten Stelle), die Tatsache
bestehe nicht wirklich, da die Idee sie
malt und idealisiert und ihr dadurch ein zweites
Leben verleiht." Stellen wie diese rufen unwillkürlich
die Erinnerung an das schöne Selbstbildnis
des alternden Delacroix in der Sammlung
Mesdag im Haag herauf: die menschliche
wie die künstlerische Blickweite spiegelt sich
hier wie dort mit dergleichen gedämpften Trauer
einer vertieften Erkenntnis.

Die Aufsätze umspannen fast dieselbe Zeit
wie die Tagebücher. Der erste ist datiert vom
Mai 1829; die letzten Aufzeichnungen stammen
aus den sechziger Jahren. So geben auch
sie ein Entwicklungsbild, zeigen in Stücken,
wie dem Essay über die Kunstkritiken oder
in dem Brief über den Wettbewerb den vehementen
Elan des Jünglings, der den Schlachtruf
prägte: „Vive Rubens toujours et l'amitie!"
— lassen den Selbstbesitz des Mannes in dem
beherrschten Aufsatz über Prudhon widerklingen
, um zuletzt die resignierende Melan-

ADOLFO WILDT

DER HEILIGE, DER JÜNGLING UND DER WEISE (MARMOR)
Münchner Glaspalast 1913

574


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0676