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TIERPARK HELLABRUNN
gegenüber nicht. Und damit dem Vordringen der
Zivilisation gewissen Tierarten der Spielraum
des Lebens immer knapper zugemessen wird,
da sie vom Aussterben bedroht sind, so setzt
sich auch die Wissenschaft für ihre Erhaltung,
für ihr Lebensrecht ein. Der Mensch, der
die Natur bekämpft, hat noch kein rechtes
Auge für ihre Schönheitswerte. Erst wenn
er sie sich unterworfen hat, erwacht ein
höheres Interesse an ihren Bildungen, und
er sucht aufzubauen, wo er zerstört hat. Er
kultiviert nun sozusagen die Natur; er verkehrt
human mit ihr.
Auf diese Weise entstehen Naturschutzparks
, botanische und zoologische Gärten,
Museen mit totem und lebendem Inventar.
Es liegt auf der Hand, daß die Sammlungen
lebender Dinge von jeher eine größere Anziehungskraft
übten als die konservierten Objekte
unter Glas und Rahmen. Deutsche
Fürsten des Mittelalters waren sicherlich von
wissenschaftlichen Interessen weit entfernt,
wenn sie sich Bärenzwinger und Hirschgehege
einrichteten. Die römischen Kaiser
waren es in ihren blutigen Zirkusspielen nicht
minder. Die Schaulust galt es zu befriedigen
, und das taten auch die fahrenden Leute
GEHEGE FÜR AXIS-HIRSCHE
auf Messen und Märkten, die dem Volke den
Tanzbären, ein paar Affen oder schillernde
Schlangen zeigten.
Hier haben wir die Ahnen unserer heutigen
zoologischen Gärten zu suchen.
Was für die Fürsten Zwinger und Tiergarten
, das war für das Volk die Menagerie.
Auf dem Hintergrunde knurrend geduckter
„Bestien" erhob sich in feierlicher Siegerstellung
der Tierbändiger, auch ein Repräsentant
der menschlichen Herrschaft über die
Natur. Als im letzten Jahrhundert die Sitte
aufkam, in den großen Städten zoologische
Gärten anzulegen, verzichtete man zwar auf
die Abrichtung der Tiere zu Kunststücken,
übernahm aber notgedrungen von der wandernden
Menagerie allerlei Formen der Unterbringung
und Behandlung der Tiere.
Maßgebend war zuerst und zuletzt die Rücksicht
auf den Beschauer. Jedes Tier sollte
aus nächster Nähe deutlich sichtbar und zugleich
sicher eingefriedigt sein. Das ließ sich
am besten im Käfig erreichen. Starke eiserne
Gitter, mächtige Holzbalken trennten das Tier
von der Umwelt. Der Zuschauer erhielt in
diesem Aufwand an massiven Schutzvorrichtungen
gleichsam eine Garantie für die gefähr-
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