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BERNHARD HO ET GER-DARM STADT DIE LICHTSEITEN DES LEBENS (vgl. s. 24—27)
MAJOLIKA-FIGUREN, AUSGEFÜHRT IN DEN TON WERKEN KANDERN (BADEN)
MAJOLIKAGRUPPEN VON BERNHARD HOETGER
Die Entwicklung der modernen kunstgewerblichen
Bewegung hat sich überraschend
schnell erschöpft in einer gewissen Schematisierung
einzelner leicht herstellbarer Objekte,
die besonders in der Möbelkunst handwerklich
mit billigem Aufwände nachzuahmen waren
und bald eine gewisse Gleichgültigkeit gegen
die überall entstehenden typisch einfachen
Formen der einzelnen Erzeugnisse entstehen
ließen. Das allgemeine Niveau schien zwar
gehoben, jedoch nur in einer sehr äußerlichen
geschmackvollen Auffassung. Der ursprünglich
künstlerischen Eigenart folgte die fabrikmäßige
Herstellung, und jeder einigermaßen
Verständige konnte nach dem Studium der
alten Wohnkultur aus der Zeit um 1800, eine
kunstgewerbliche Werkstatt mit Erfolg betreiben
. So ist heute alles zu einer Geschmackskunst
geworden, zu einer Auswahl
einwandfreier Erzeugnisse der Vergangenheit.
Aus dem Wirrwarr schlechter Ware suchte
man mit museologischem Eifer das Beste heraus
. Man entdeckte in den verstaubten Depots
der Glashütten und Fayencefabriken die alten
Ladenhüter, die künstlerisch wirklich ganz
einwandfrei sind; man zog fremdländische
Erzeugnisse als Ersatz eigener Unfähigkeit
heran, Batiks und Korbflechtereien aus Nieder-
ländisch-Indien; man entdeckte allenthalben
verkannte Genies, die irgend eine Spezialität
herausgebildet hatten. Man bekannte offen,
daß man es aufgäbe, den Stil unserer Zeit zu
schaffen, daß man das Eigentliche unserer Zeit
in der Suche nach solchen geschmackvollen Erzeugnissen
irgendwelcher Herkunft sähe.
Aber es hieße unserer Zeit in keiner Weise
gerecht werden, wenn wir die Ergebnisse dieser
Forschungen dem Wesen der Zeit gleichstellen
wollten. Fern, verschwommen freilich bergen
sie Einzelheiten, die einer unklaren Vorstellung
von der Anschauung der modernen Bewegung
zu entsprechen scheinen. Aber sie können
unmöglich als ihre eigentlichen Erzeugnisse
ausgegeben werden. Ihnen fehlt die Lebendigkeit
des modernen Künstlers, der mit frischem
Impuls das Leben unserer Zeit gestaltet
. Wertvoller scheint es daher, den neuen
Künstlern der jungen Generation nachzugehen,
die bereit steht, einen kraftvollen und unmittelbaren
Ausdruck des neuen Wollens zu geben.
Die Forschertätigkeit des letzten Jahrzehnts
mag hingenommen werden als Vorbereitung
einer größeren Masse auf den neuen Zeitstil,
aber sie kann unmöglich als solcher gelten.
Die Ausstellung des „Sonderbundes" in Köln
hat gezeigt, daß die neue Anschauung kein
leeres Phantom bedeutet, sondern über anschauliche
Werte verfügt. Mehr noch als die
gleichzeitige Ausstellung kunstgewerblicher Arbeiten
der „Gilde" mit den wertvollen Arbeiten
F. H. Ehmckes wirken die jungen Künstler
der Neuen Secession, der Brücke, des Blauen
Reiters verblüffend durch die Neuheit und
Eigenart der Größe und Farbigkeit ihres Stiles.
Nur zufällig sind diese Arbeiten auf Leinwand
gemalt, weil es die einfachste Art der Herstellung
war und die Künstler leider über keine
andere Möglichkeit der Herstellung verfügten.
Diese Arbeiten verlangen, in Mosaik, in Wirktechnik
, in Stickerei, in farbigem Glas mit
Hilfe der Sonne zu voller Glut gesteigert zu
werden. Die Glasmalereien Thorn-Prikkers
auf der Ausstellung, auf die an dieser Stelle
noch eingegangen wird, zeigen den großen
Stil der neuen Anschauung, ihre kraftvolle
Wucht und monumentale Art, wie sie nur aus
einem Lande herauswachsen kann, wo die
dunklen Silhouetten der Hochöfen und Schlak-
kenkegel eine Anschauung zeitigten, die fernab
liegt von aller arkadischen Romantik. Hier
ringt in der Malerei eine neue Größe nach Ausdruck
. Der unglückliche Zwiespalt zwischen
der hohen Kunst und dem sogenannten Kunstgewerbe
scheint endlich zu schwinden. Eine
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