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MARIA SINSTEDEN - BERLIN □ □ TEEWARMER MIT BLUMENSTICKEREI IN BUNTER WOLLE
STICKEREIEN VON MARIA SINSTEDEN
Nach der Stickerei sogar, dem ureigensten
Gebiet häuslicher Handarbeit, langt der
Kapitalisierungsprozeß der modernen Wirtschaft
. Schon lange ist sie — in ihren besten
Stücken wenigstens — nicht mehr das Ergebnis
jenes selbstlosen Arbeitseifers, den einst
Hausmütter und Haustöchter für die Nadelarbeit
aufzubringen pflegten. Aus der Gemächlichkeit
einer nach Laune geübten Handfertigkeit
, die in sich und der erreichten Schönheit
ihr Genüge fand, ist sie hinausgetreten
auf den Markt. Den Markt, der von Selbstgenügsamkeiten
nicht mehr viel wissen darf
und sie nun seinen Gesetzen zu unterjochen
suchen muß. Aus der häuslichen Kunstübung
macht er eine Produktion.
Daß dabei Formen geändert werden, eine
Saison lang Muster gangbarer sind als andere
und wieder von den „Nouveautes" der nächsten
überholt werden, wäre nicht einmal bedeutungsvoll
. Besser dieser Trieb nach immer
neuen Gestaltungen als das Festkleben an
ein paar Formschemen, die erstarrt und nicht
mehr der Belebung fähig sind. Er muß sich
ja nicht immer auf das Geschmackswidrige
und Gemeine stürzen; der Konsument brauchte
nur etwas mehr unverbildetes Qualitätsgefühl
zu haben, und seine Nachfrage sollte mit
Freuden befriedigt werden. Gewichtiger ist
der Zwang nach einer rationellen
Arbeitsweise, der nun dem Ausführenden
auferlegt wird. Ich weiß, die sublimsten der
Handwerksleistungen entstehen unbeeinflußt
von derlei Gesetzlichkeiten; aber die vielen
schönen Dinge, die über den allzu kleinen
Kreis schlemmeriger Liebhaber hinauswollen,
können sich ihnen nicht entziehen. Sie werden
sonst, wie wir das ja an mancherlei Gewerben
beobachtet haben, von Maschinen und allerlei
anderen flinken Neuerungen weggeräumt. Auch
hinter der Stickerin reckt sich das Gespenst
der Maschine empor. Gegenüber so feinen
und eigenen Künstlernaturen, wie die Hösel
eine ist, bleibt sie ja machtlos. Alles andere
muß sich aber mit ihr auseinandersetzen, hat
sie doch alle Stickerei etwas entwertet, hat
sie doch durch ihre billige Produktion auch
der Handstickerin — immer abgesehen von
ein paar kostbaren Einzelleistungen — gehörig
die Preise gedrückt. Da jeder durch
sie etwas Gesticktes haben kann, wird das
Einzelne nicht mehr als das Luxusobjekt bewertet
, das sich früher vielleicht nur eine
Fürstin oder eine Baronesse leisten konnte.
Und da andererseits die Arbeitszeit wertvoller
, die Handarbeit kostspieliger geworden
, ist der Konflikt da.
Ein Teil der Stickerinnen sucht ihn zu bewältigen
durch Anpassung an die Maschine
. Sie erfinden Muster, die sie ausführen
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