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FRANZISKA BRUCKBERLIN
□ REMANIA,
heraus, aus dem Erlebnis der Natur, von deren
unerschöpflicher Schönheit sie einen Abglanz
widerzuspiegeln versucht in dem, was ihre
Hände ordnen. Sie in ihrem Schaffen zu belauschen
, einmal feststellen zu wollen, wie
eigentlich die berückenden Dinge alle entstehen
, die sie hervorzaubert, hieße eindringen
wollen in die Werkstatt des Dichters, um ihm
Rezepte oder Regeln abzulauschen.
Auch für die Bruck gibt es so etwas nicht.
So sehr man an jedem Blumenstück auf den
ersten Blick erkennen kann, daß es aus ihren
Händen kommt, so wenig gibt es eine Methode,
auf die sie festgelegt werden könnte. Sie ist
so wenig japanisch, wie sie gotisch oder altdeutsch
oder sonst etwas ist. Weder alte noch
neue Regeln der Blumenbinder greift sie auf.
Sie ist eben da, so wie sie ist — als eine
Künstlerin, die auf ihre Art die Schönheit der
Blumen erlebt und als ein rechtes Glückskind
die Gabe bekommen hat, diese Erlebnisse für
uns andere sinnfällig zu machen.
Sie steht außerhalb aller anderen Künste.
Sie ist keine Malerin und hat, wenn man ihr
ROTES HASELLAUB
U. EPHEURANKEN
glauben darf, nicht einmal Sinn für das rein
Malerische in den Bildern. Sie bekennt sich
allein zu einer Lehrmeisterin — der größten
allerdings, die wir haben — : zur Natur. Man
muß sie hören, wenn sie mit einer leidenschaftlichen
Begeisterung erzählt von ihren
einsamen Gängen über blühende Wiesen, über
Bergeshalden und in die Wälder, wie sie mit
einer fast gläubigen Andacht verzückt steht,
vor allem, was da blüht und grünt, und wie
sie vor solchen Offenbarungen der Natur nur
den Wunsch kennt, mit eben diesen Blumen,
Blättern und Zweigen gleich starke Eindrücke
erzeugen zu können. Diese wunderbare Naturnähe
ist denn auch das, was selbst der schlichteste
Betrachter bei allem, was er von ihr sieht,
verspüren muß. Ihr wird es niemals einfallen
eine Pflanze, die für sich draußen besteht, die
ein Recht auf eigene Existenz hat, dem „Arrangement
" zuliebe zusammenzubündeln mit
allerlei wesensfremdem Kraut, wie es ihr ein
andermal in den Sinn kommen kann, einen
ganzen Pack Anemonen, Margueriten oder Feldblumen
der teppichartigen Farbfläche halber
Dekorative Kunst. XVI. i. Oktober 1912
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