Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 28. Band.1913
Seite: 57
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HAUS ROSENFELD

NORDSEITE

DAS HAUS ROSENFELD IN STUTTGART

1

g)

Wie jede Kunst, zeigt auch die Baukunst
zwei Tendenzen, die ihre Form bestimmen
. Die eine geht auf organische Belebung
der Materie, also wenn man will Natur, die
andere auf Zweckerfüllung, konstruktive Fertigkeit
, Materialstil, kurz auf alles, was von der
Natur wegführt. Es ist ebenso falsch, die Kunstform
aus dem Zweck und Material abzuleiten,
wie es falsch ist, sie auf Naturnachahmung
zurückzuführen. Beides muß vielmehr zusammenkommen
, wenn Kunst entstehen soll. Entsprechend
dieser Zweiheit ist die historische
Entwicklung ein fortwährender Wechsel zwischen
stärkerer Betonung des einen oder des
anderen Prinzips.

Nachdem wir vor etwa 15 Jahren mit vollen
Segeln in die neue Kunst hineingesteuert sind,
hat seit einiger Zeit eine starke Reaktion im
historischen und primitivistischen Sinne eingesetzt
. Unser Urteil über die Nachahmung
der historischen Stilarten ist noch immer dasselbe
wie früher. Wir halten es nach wie vor
für zwecklos, das, was in Perikles' oder Au-
gustus' Zeit gut gemacht worden ist, im Jahr
1912 noch einmal — vielleicht gut, vielleicht

auch schlecht — zu machen. Die Behauptung,
daß die Formen der Säulen, Pfeiler, Giebel,
Gesimse usw. von der Vergangenheit ein für
allemal festgestellt seien, und daß sie seitdem
einen Wertschatz bildeten, den der moderne
Künstler wohl verschieden handhaben, nicht
aber verändern dürfe, ist angesichts der ungeheuren
Mannigfaltigkeit allein der europäischen
Architekturformen gar zu bescheiden.
Und die Meinung, diese Einzelformen seien in
der Architektur verhältnismäßig gleichgültig,
es komme nur auf die richtige Zweckerfüllung,
ferner auf die schönen Proportionen und das
Gleichgewicht der Massen an, geht von denen
aus, denen keine neuen Kunstformen einfallen.
Es gilt ja heute wieder zur Abwechslung einmal
für modern, möglichst unmodern zu sein.
Aber das Märchen von der allmählichen organischen
Herausentwicklung des Neuen aus dem
Alten hatte in den einfachen Verhältnissen der
Vergangenheit seine Geltung — heutzutage
leben wir schneller und haben auch keine
Scheuklappen mehr.

Unter den selbständigen Künstlern, die
allein für die Zukunft in Betracht kommen,

Dekorative Kunst XVI. 2. November 1912

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