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Kartuschen, das sind wohl die nächstliegenden
Analogien. Der griechischen und italienischen
Renaissance-Ornamentik dagegen steht er instinktiv
fern. Auch das macht seine Ornamentik
unmodern, denn unsere Aesthetik beruht
ja auf der Antike und hat sich immer noch
nicht entschlossen, die nordische Gefühlsweise
als etwas von der antiken Verschiedenes in
Rechnung zu stellen. Freilich, nicht die Klarheit
und Uebersichtlichkeit ist dabei das Entscheidende
. Wohin käme man, wenn man
diesen Maßstab z. B. an das irische Riemengeflecht
oder an Pankoks Kronleuchter anlegen
wollte! Sondern das Leben, die Bewegung,
die Illusion des Organischen. In diesem Sinne
ist es ganz richtig, wenn man Pankoks Ornamente
barock genannt hat. Nur sollte man
das nicht tadelnd meinen.
Ganz nordisch ist bei ihm auch die Freude
an der Mannigfaltigkeit der Motive. Bei gereihten
Ornamenten stellt er nicht gerne zwei
gleiche Muster nebeneinander. Am liebsten
würde er sie alle differenzieren. Aber das
wäre eine ungeheuere Arbeit. Die Fülle der
Erfindung ist so schon groß genug; ein anderer
Architekt würde zehn Häuser aus diesem
einen machen. Wo er nur wenig verschiedene
Muster zur Verfügung hat, wie z. B.
in der Stuckdecke des Festsaales, bemüht er
sich, wenigstens durch die geistreiche Art der
Zusammenstellung den Eindruck unendlicher
Mannigfaltigkeit hervorzurufen. Er ist darin
den Ornamentikern des romanischen Stils verwandt
, die jedes Säulenkapitell verschieden
ausbildeten, während die Antike bekanntlich
gleich funktionierende Glieder in der Regel
auch in gleicher Weise verzierte.
Auch die Freude an der Detaillierung ist
echt deutsch. Es steckt darin etwas vom Geiste
Dürers und Grünewalds; es leben darin jene
landschaftlichen Vordergründe altdeutscher und
altniederländischer Bilder wieder auf, deren
Meister gerne im Grase lagen, die Halme und
Wassertropfen zählten und den Käfern und
Schmetterlingen bei ihrem Spiel zusahen. Auch
das ist unmodern. „Ich bin kein Blümchensucher
", soll Marees einmal nach Floercke
gesagt haben, als man ihm den Unterschied
zwischen Schneeglöckchen und Maiglöckchen
erklärte. Das Prinzip der Vereinfachung, das
„Problem der Form" läßt dafür keinen Raum.
Natürlich liegt in dem gesteigerten Schmucktrieb
auch eine gewisse Gefahr, nämlich die,
über dem Einzelnen das Ganze zu vergessen,
die Gesamtwirkung durch planlose Häufung
des Schmuckes zu schädigen. Ich will nicht
sagen, daß Pankok ihr überall entgangen ist.
Er hat zwar eine eigene Art, mitten in dem w
BERNHARD PANKOK □ BELEUCHTUNGSKÖRPER DER
DIELE □ AUSFUHRUNG: ROBERT DETZER, STUTTGART
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