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RICHARD LANGER
,MADONNA" (BIRNBAUMHOLZ)
DER BILDHAUER RICHARD LANGER
Die Loslösung von der Architektur ist unserer
Bildnerei schlecht bekommen. Es gibt
Leute, die darin eine Notwendigkeit zu erblicken
glaubten. Dem ist doch nicht ganz
so, wenn man bedenkt, daß eine Annäherung
an die Natur eigentlich zu einer Auffrischung
führen müßte. Diese Auffrischung konnte allerdings
nicht eintreten, weil unseren barocken
Naturalisten von gestern und ehegestern ein
innerer Instinkt für die Form, für das, was
das Beobachtete und Nachgebildete erst zum
Kunstwerk zu machen vermag, völlig mangelte.
Sie waren — und wie viele sind es noch! —
Nachahmer und Nachäffer der Natur, peinlich
kleinliche Kopisren ihrer Erscheinungsfülle, die
aus dem, was ihnen vor den Augen stand, nichts
zu machen wußten, was ein- oder wenn man
will: ausdrucksvoll zu den Sinnen zu sprechen
vermöchte. Noch immer ist die Natur der
stärkste und größte Halt, allerdings nur für
den, der die Form aus ihr herauszureißen vermag
. Rodin wäre in diesem Sinne Naturalist,
und Begas, der Sklave des Modells, der Re-
produzent, wäre das Gegenbeispiel. Der Widerwille
gegen diese Art äußerlichen Naturalismus
ist nicht neu. Hildebrand, der Freund und
Gefährte Marees, hat vor Jahren schon mit
klugen Sätzen das Problem der Form dargelegt
und begründet. Womit er allerdings auch nicht
verhüten konnte, daß viele, die seinen Thesen
folgten, statt neuer Formsucher Formalisten
wurden, die an die Stelle jener Hohlheit eine
gewiß gefälligere, aber akademisch leere Konvention
setzten. Mag sein, daß sie etwas zu
früh kamen, daß sie einem synthetischen Wollen
nachzugeben versuchten, während die Zeit noch
zur Analyse trieb. Unser Wirklichkeitserleben
war noch lange nicht wieder so instinktiv sicher,
so elementar stark, daß daraus eine Bildnerei
größeren Stiles sich hätte entwickeln können.
Es ist der alte, ewig gleiche Prozeß, der
sich in diesen Dingen vor unseren Augen
wieder einmal abzuspielen scheint. Eine Epoche
saugt sich voll von neuen Natureindrücken,
schärft sich die Sinne, um das Spiel der Farben,
das Aufklingen der Formen, das räumliche In-
und Nebeneinander auf eigene Weise zu erleben
; auf die kleinsten Dinge erstreckt sie
ihre Beobachtungen, macht überraschende Entdeckungen
, um ein scheinbar ganz neuartiges
Beobachtungsmaterial der folgenden Generation
zur Verarbeitung darzureichen. Was ein Minne
und Maillol und Gaul vorgearbeitet haben, fällt
unseren Jüngsten in den Schoß.
Die Barlach, Lehmbruck, Haller, Albicker,
die wir diese Erbschaft antreten sehen, wissen,
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