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ALBERT SCHLOPSNIES-GIENGEN 'BONBONNIEREN UND NADELHALTER
AUSFÜHRUNG: J. REINEMANN & JOSEPH LICHTINGER, MÜNCHEN
schöpferisch manifestierte, sind da Sächelchen
von einer unerhörten und uns unerreichbar
scheinenden Delikatesse entstanden, und nun
knapp ein Jahrzehnt nach dieser Entdeckung
sehen es die neu gebackenen Gewerbekünstler
als eine Entwürdigung an, wenn man ihnen
zumuten wollte, sich mit derlei Kleinzeug abzugeben
.
Sie lechzen nach größeren, äußerlich
Ig größeren Taten. Ein Innenraum mit all
dem Drum und Dran, das ein behagliches
Wohnen ermöglicht, ist ihnen noch zu wenig.
Architektur — meist autodidaktisch ungekonnte
Architektur — reizt sie allein
noch und trotzdem das Häuserbauen
die ganze Kraft solcher
so gar nicht vorgebildeten
Experimentatoren in
Anspruch nehmen müßte, wollen
sie sich natürlich den
Hausrat noch weniger wegnehmen
lassen. Möbel und
Kleingerät werden von ihnen
so nebenbei und dementsprechend
auch so unfrisch und
unzulänglich geformt. Es wird
aus dem, was gerade die
Kunstgewerbemode der Saison
bringt, etwas zusammengestoppelt
, es wird die Industrie
, die diesen modernen
Strömungen zu folgen begonnen
hat, allzu oft nur abgespeist
mit dem Atelierkehricht,
der nicht einmal von dem Künstler-Architekten
selbst stammt. So nebenbei Tapeten, Textilien
, Beleuchtungskörper, Eßgerät, Schmucksachen
, Poterien, Drucktypen und wer weiß
noch was zu machen, erscheint mir aber
— mit Verlaub — eine Keckheit, die fast
immer zu einer künstlerischen Niederlage
führen mußte. Wir haben am Anfang dieser
gloriosen Bewegung geträumt von Künstlergeistern
, die ihre ganze Schöpferliebe, ein
Stück Persönlichkeit, gar ein Atom Seele
an die Werkzeuge des täglichen Gebrauchs
verschwenden würden, und wir sind angelangt
bei vielseitigen Geschmackshandwerkern
, die nichts verschwenden
als selbstgenügsame
Geschicklichkeit.
Ich verrate wohl kein Geheimnis
, wenn ich feststelle,
daß an dieser eigentlichen
Gerätekunst sich eigentlich
nur noch diejenigen mit Eifer
betätigen, die als Architektur
-Autodidakten Schiffbruch
gelitten haben. Die Scharen,
die nicht dazu kommen, Bogenlampenfabriken
, Gartenstädte,
Villen, Tanz- und Cafehäuser
zu bauen, die, weil sie eben
die weniger Tüchtigen sind,
den Ehrgeiz nach den „größeren
Aufgaben" fahren lassen
müssen, sie sind es, die hier
ihre Künste spielen lassen.
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