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W. VON DEBSCHITZ-KUNOWSKI B KINDERBILDNIS
PHOTOGRAPHIEN VON WANDA VON DEBSCHITZ-KUNOWSKI
Der Anspruch der Photographie, als selbständiges
künstlerisches Ausdrucksmittel
zu gelten, wird heute wohl nur noch von wenigen
blinden Amateuren standhaft verfochten.
Eine „photographische Kunst" gibt es nicht,
weil es sie nicht geben kann. Das „Lichtbild
" ist auch im günstigsten Falle nichts anderes
als ein Geschmacksprodukt — will
es etwas anderes sein, so ist es eben kein
Lichtbild mehr.
Aber als Erzeugnis eines guten oder schlechten
Geschmacks hat die photographische Wiedergabe
allerhand beachtliche Möglichkeiten
der Wirkung. Sie dringt in jedes Haus, ja
man kann sagen: in jede Hütte. Sie befriedigt
ein Massenbedürfnis, und wer den Geschmack
als nationalökonomischen Faktor bewerten
will, der wird auch die Bilder des
Photographen in seine Rechnung einbeziehen
müssen, obgleich sie streng genommen keine
„Bilder" sind, sondern „Abbilder", die bildmäßig
wirken können oder auch nicht.
Die Atelierphotographen alten Stiles glaubten
diese Bildmäßigkeit dadurch zu erreichen,
daß sie die Menschen nach Kräften verschönerten
. Sie kratzten und tuschten am Negativ
und putzten und tüpfelten am Druck herum
solange, bis die glatten Puppenköpfe fertig
waren. Danach kamen die Künstlerphotographen
, machten „Rembrandtlicht", setzten
jedermann in irgendeine seelenvolle Positur,
umgaben selbige mit etwelchen Wandbildern,
Vorhängen, Teppichen, Blumenvasen und ähnlichem
Zubehör und machten tiefsinnige „Interieurstudien
" im Hause des Patienten —
Studien, die a priori Kunst und Stimmung in
sich vereinigen sollten.
Das wurde nicht gerade besser, als manche
dieser Künstler in das Gehege der freien Graphik
einbrachen und nun ihre photographischen
Platten „radierten". Sie strichelten solange am
Negativ herum, bis auch aus der wahllosesten
Aufnahme ein billiger Glanzeffekt herausgeholt
war, der das ungeübte Auge verblüffen konnte.
Die Umsetzung der farbigen Wirklichkeit
in eine schwarzweiße Skala, wie sie der photographische
Prozeß mechanisch besorgt, verträgt
aber die zeichnerischen Eingriffe und
Nachhilfen der Hand nicht. Die Stärke der
Photographie ist ihre ungemeine Fähigkeit,
Licht und Schatten bis ins feinste zu differenzieren
; sie reproduziert nicht in Linien, sondern
in Flächen, daher ist sie mit zeichnerischen
Mitteln, also durch den Strich,
schlechterdings nicht zu verbessern.
Es kommt also darauf an, die übertragenen
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