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6)
Tonwerte der
farbigen Objek-
te,etwaeineDa-
me im Kostüm,
so mannigfach
herauszubringen
, daß das
Auge aus der
Art und Stärke
der Abstufungen
die Wirklichkeit
sich
vorzustellen
vermag. Wenn
dieHautwieAt-
las glänzt und
der Atlas starrt
wieBlech,wenn
blondes Haar
schwarz wirkt
und ein kräftig
modellierter
Kopf glatt wird
und rund, so
trügtdie Photographie
, die angeblich
immer
die reine Wahrheit
sagt.
Mit der Ausschaltung
dieser
Fehler, die
auch bei guten
Photographen
häufiger sind
als man denkt,
ist aber erst die
technischeVor-
bedingung gegeben
für die
Arbeit, die im Zeichen des Geschmackes stehen
soll. Der Photograph muß wählen aus dem,
was die Natur ihm bietet; und er kann den gewählten
Moment irgendwie unterstreichen. Wenn
er die Fleckwirkung, die Führung und den
Aufbau der Tonflächen im Porträt voraussieht,
wenn er späterhin einzelne Partien verstärkt
oder abschwächt, so erhält er vielleicht die
bildmäßige Geschlossenheit in seinem Abbilde
. Er darf aber sein Modell nicht „herrichten
", muß es möglichst frei und „natürlich" belassen
, damit es charakteristisch zu fassen sei.
Das alles ist gar nicht leicht, die Versuchung,
zuviel oder zuwenig zu tun, liegt nahe, und
darum ist es kein Wunder, wenn es so wenig
wirklich gute Photographen gibt.
Hin und wieder erhalten sie Zuzug aus der
Malerei. Auch Frau WandavonDebschitz
W. v. DEBSCHITZ-KUNOWSKI
hat Porträts gemalt
, bevor sie
photographier-
te. Man sieht
ihren Aufnahmen
ohne wei-
teresan,daßsie
mit ungewöhnlichem
Verständnis
für die
Bildwirkung
angelegt sind.
Ein Beispiel für
die Ungezwungenheit
der
Charakteristik
ist das vortreffliche
Pfitzner-
porträt. Der
Reichtum der
Tonwerteinder
Kostümstudie
des jungen
Mädchens ist
durch ein doppeltes
Druckverfahren
, in
Platin und
Gummi, herbeigeführt
.
Doch zeigen
auch die einfachen
Drucke
im Albumin-
Verfahren eine
große Weichheit
und malerische
Geschlossenheit
der Bildform.
Die Modelle sind nicht aufdringlich hergerichtet
und in irgend eine „bedeutende" oder nichtssagende
Pose hineinstilisiert, sondern so natürlich
gesehen, wie es das Objektiv des Apparates
zur Bedingung macht. Das Bestreben ist ersichtlich
, den Menschen in demjenigen Moment zu
erfassen, in dem er sich selber charakterisiert.
Die Führung desLichts undder Linien, die Dämpfung
störender Einzelheiten, der im gewissen
Sinne dekorative Aufbau der Tonflächen bezeugen
ein gutes künstlerisches Verständnis. Auch
ist sie mit Erfolg bemüht, ihre Köpfe und Figuren,
besonders die Freilichtaufnahmen, in einer wirklichen
Luft darzustellen. Manche ihrer geschmackvollen
Arbeiten sind von zeichnerischen
Eingriffen nicht frei; als die gelungensten erscheinen
mir jene, bei denen man von dieser
Mithilfe nichts merkt. Eugen Kalkschmidt
FRANZ v. HOSSLIN
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