Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 28. Band.1913
Seite: 156-157
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ARCH. BRUNO PAUL-BERLIN El HEILANSTALT PÜTZCHEN

gutem, modernem Kunstgewerbe besitzen, ist
von jenen geschaffen, die abseits standen,
die gearbeitet haben, ohne Unterstützung und
Zustimmung. Es sind nur wenige, die in Betracht
kommen. Die wenigen könnten in Kürze
die deutsche Arbeit zu einer wirklichen Leistung
machen. Dazu gehört das Unmögliche,
daß die eigenwilligen Köpfe sich der besseren
und überlegenen Künstlerpersönlichkeit unterordnen
, daß wir statt zu reden, zu arbeiten
anfangen.

Bruno Paul gehört zu den wenigen, welche
die deutsche Werkarbeit ohne den Umweg
über Tagungen und Kongresse in fruchtbringender
Weise umgestalten könnten. Unendlich
vieles hat er schon durch seine Arbeiten für
Architektur und Möbelkunst geleistet. Er hat
das deutsche Handwerk zum großen Teile neu
belebt und ihm neue Entwicklungsmöglichkeiten
gezeigt. Seine Entwürfe sind einfach und
nicht kompliziert. Sie bauen sich auf architektonischer
Grundlage, wohlabgewogenen Maßeinheiten
und guten Verhältnissen auf, so daß Einsichtige
von seiner Anschauung vieles lernen
können. Aber es würde zu weit führen, wenn
man die Arbeiten des Künstlers ohne weiteres
kopieren dürfte, wie dies vielfach und dazu in
schlechter Weise geschehen ist, woraus sogar
ein gerichtliches Nachspiel entstand. Hier wurde
der naive Standpunkt vertreten, daß die Arbeiten
Bruno Pauls irgendwo in der Schloßkunst
des achtzehnten Jahrhunderts schon dagewesen
seien, wobei man, rein äußerlich,

auf die Ornamentik hinwies. Seine Arbeiten
könnten daher ohne weiteres kopiert werden.
Es war merkwürdig, wie dieser Standpunkt
selbst von Fachleuten und Sachverständigen
vertreten wurde, ein Beweis, wie wenig heute
geistige Originalität als solche erkannt und
gewürdigt wird. Es scheint daher eine der
wichtigsten Aufgaben zu sein, die originalen
Arbeiten heute herauszuheben und als solche
zu charakterisieren.

In den Häusern Schuppmann in Westend
und Feinhals in Cöln hatte Bruno Paul, bei
letzterem in der Vollendung des Olbrich-
schen Werkes, ein glänzendes Beispiel seines
Könnens gegeben.*) Die ansprechende Art
seiner architektonischen Anschauung verband
sich aufs glücklichste mit einer starken Farbigkeit
, und es war vorauszusehen, daß diesem
Auftrage andere folgen würden. Ganz besonders
ließ seine Auffassung erkennen, daß
sie für solche Bauwerke sich eignen würde,
die durch eine zweckmäßige Bestimmung bedingt
waren.

In einer seiner letzten Arbeiten, der Heilanstalt
des Herrn Dr. Peipers in Pützchen bei
Bonn, ist in jeder Beziehung eine Anlage geschaffen
, die für ihre Bestimmung mustergültig
ist. Vor allem überrascht die Klarheit
und Uebersichtlichkeit der Disposition. Die
architektonische Gliederung setzt mit Boden
und Landschaft ein, zieht sich in breitange-

weiten Rasenflächen herausgehoben aus der
Umgebung wie ein schöner, alter Schloßbau. ^

N) Vgl. Novemberheft 1911.

legten Wegen und Rasenflächen durch weite
Parkanlagen zum Doktorhaus und Schlößchen
hin und hebt das Ganze als künstlerische
Neuschöpfung aus einer gleichgültigen Natur
heraus. Mit einer gewissen Kühnheit laufen
von einem zentral gelegenen Rundbau zwei
Wandelhallen zum Doktorhaus und Pavillon
hinüber, während im Hintergrund das sogenannte
Schlößchen liegt. Die rhythmisch verteilten
hellen Säulen, die freundlichen Fenster
der ebenso einfachen wie vornehmen Gebäude,
gestalten den ersten Eindruck ungemein ansprechend
und einladend. Alle Elemente, die sonst
bei derartigen Heilanstalten nicht gerade sympathisch
berühren, sind vermieden. Der Gesamteindruck
ist der eines fröhlichen Landaufenthaltes
, wie auf alten Herrensitzen am
Rhein. Wir besitzen in den alten Häusern,
besonders der Rheinlande, einen kostbaren
und leider für die moderne architektonische
Entwicklung noch unbenutzten Schatz, so daß
nicht recht einzusehen war, weshalb wir bisher
fremden Einflüssen, vor allem dem englischen
so stark nachgaben. Wie ja überhaupt
die englische Architektur, vor allem auch das
englische Kunstgewerbe, einige Materien ausgenommen
, in seiner künstlerischen Bedeutung
noch immer stark überschätzt wird. Die
Bauart der einzelnen Gebäude ist hier vollkommen
der guten, alten rheinischen Architektur
angepaßt. Ueberall liegen noch heute
in der rheinischen Landschaft die prachtvollen
weißen Herrenhäuser in vornehmer Einfachheit

WANDELHALLE MIT ANSCHLIESZENDEN BAUTEN

und edler Wirkung. Unter ihrem Eindruck hat
Bruno Paul seine neuen Bauwerke geschaffen.

Von besonderer Schönheit ist das Doktorhaus
, ein kubisch wuchtiger Bau mit feiner
Pfeilergliederung und hellen, freundlichen Fenstern
. Der Haupteingang liegt in einem Vorbau
mit Balkon, der von vier großen Steinkugeln
gekrönt wird. Tür und Fenster werden
von Blendarkaden umrahmt, die sich ähnlich
bei alten rheinischen Bauten aus dem Ende
des achtzehnten Jahrhunderts wiederfinden.
Ein trefflich gefügtes Schieferdach krönt wie
eine Haube das Ganze. Besonders dankenswert
ist, daß Bruno Paul auf die alte Schieferdeckung
zurückgegriffen hat, die den Städten
im Umkreis des rheinischen Schiefergebirges
ein charakteristisches Aussehen gibt. Leider
wird neuerdings der Schiefer aus Billigkeitsgründen
durch den roten Ziegel verdrängt und
so das Charakteristische der rheinischen Architekturbilder
vielfach zerstört.

Auch in der Einteilung der Fenster hat
Bruno Paul wieder auf den kleineren Maßstab
der Scheiben zurückgegriffen, wodurch
der Eindruck des Freundlichen und Anheimelnden
nur verstärkt wird. Große Glasscheiben
, die man nur aus äußeren Gründen
anwendete, weil sie technisch herzustellen
waren, wirken in der Architektur wie öde,
dunkle Oeffnungen. Mit den hellen Fensterrahmen
wird so das Haus im Lichte vor den

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