http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_28_1913/0262
SCHLOSZ OBER-LUBIE
BLICK IN DEN PARK
wohltuende Gebäude zu verwandeln, ist eine
schwere Aufgabe des Architekten. Er muß die
Stilformen beherrschen und die Ansprüche
eines vornehm eleganten Lebens nicht nur
kennen, sondern als selbstverständlich empfinden
, wenn ihm ein derartiges Werk wirklich
gelingen soll.
Als Architekt Ernst Haiger den Auftrag
übernahm, das Schloß Ober-Lubie des
Herrn von Bergwelt-Baildon den Anforderungen
unserer Zeit gemäß umzugestalten,
mußte er absolut auf jenes Gefühl verzichten,
das ältere Generationen Pietät nannten, um ein
zweckmäßiges, in schöner Harmonie ausgestaltetes
Herrenhaus zu schaffen.
Ein vornehmes Herrenhaus hat ganz andere
Bedingungen zu erfüllen, als eine noch so elegante
Villa, denn es setzt ein großzügiges, von
Gästen belebtes, meist sportumgebenes Dasein
voraus. Es ist geräumig, braucht Platz für zahlreiche
Dienerschaft und muß Gesellschaftszimmer
enthalten, die weder abgelegen sind,
noch die eigentliche Wohnung stören dürfen.
Schlösser auf dem Lande haben eigentlich die
repräsentative Pracht der Vergangenheit mit
dem Komfort der Gegenwart zu vereinen.
Uebersieht man den Plan des Schlosses
Ober-Lubie, so fällt — wie bei allen Bauten
Haigers, die ich kenne — eine klare Anordnung
der Räume auf. Der Mechanismus des
Hauses ist in die richtigen Gruppen zerlegt,
die äußerlich so aneinander gefügt sind, wie
sie innerlich zusammen gehören. In den Briefen
des Plinius ist ein Landhaus beschrieben, unter
dessen Vorzügen der römische Lebenskünstler
nicht zu erwähnen vergißt, daß die Dienerschaft
ihr Wesen treiben kann, ohne durch ihren Lärm
in den Arbeits- und Gesellschaftsräumen zu
stören. Auch in Lubie scheint mir dieser Vorzug
sehr gut durchgeführt und die Verbindung,
die ich mit dem Ausdruck „hinter den Kulissen"
bezeichnen möchte, einwandfrei hergestellt.
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