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GEBURT CHRISTI FLUCHT NACH ÄGYPTEN
ENTWURF: JOHANN THORN-PRIKKER n AUSFUHRUNG: GOTTFRIED HEINERSDORFF, BERLIN
blauen Farben und Rot, Ostern mit Rot und
Grün charakterisieren. Der ornamentale Reichtum
ist von besonderer Schönheit; ferne, seltsame
Motive aus frühmittelalterlicher Zeit tauchen
auf, fluten ineinander und trennen sich
wieder wie in den Buchmalereien der irischen
Mönche; und aus dem Gewirr und Widerstreit
der Kräfte ragen das Kreuz hervor im Strahlenglanze
und die Symbole des Glaubens. Von
ähnlicher Schönheit sind die Gestalten; auch
sie nur ein Ornament in stark flutender Bewegung
, im Kontrast der Farben, im Kampf
von Licht und Finsternis. Ein stark bewegtes
Lineament umzieht die Gestalten, macht sie
eindrucksvoll und gewaltig, daß sie den Rahmen
fast zu sprengen scheinen. Für das Auge entsteht
so Leben und Bewegung gleichsam aus
dem Glänze der Bilder heraus, man sieht eine
andere Welt und Wesen, die nicht von dieser
Erde sind. Von besonderer Schönheit ist die
Darstellung: Christus und die Jünger auf dem
Wege nach Emmaus. Die Gestalten füllen die
ganze Fläche aus, die Jünger hinter Christus,
der leuchtend das Dunkel überstrahlt. Man
sieht nichts von der Landschaft, nur im Schreiten
der Füße ist die ganze Wucht des Bodens und
Hintergrundes gegeben. Der Künstler hat die
Gestalt des Gekreuzigten neu geschaffen und
die alte Wucht romanischer Bronzekruzifixe
wieder belebt. Von edlem Rhythmus in Bewegung
und Haltung sind Joseph und Maria
an der Wiege des Kindes, der jugendliche
Jesus im Tempel und Christus vor Pilatus
und schließlich der auferstandene Christus, im
Strahlenkranz auf Wolken emporsteigend.
Diese Werke gehören dem Nordwesten, dem
Gebiet der Arbeit, dem Land des Rauches und
der Schlackenberge. Ihre Farbenglut kann selbst
dort sich behaupten. Dem neuen Menschen, vom
Lärm der Maschinen, von der Wucht der Arbeit
betäubt, werden sie ein fernes Reich vor Augen
führen. Hier entsteht die Kunst eines neuen
Volkes, weit ab von beschaulicher Ruhe und arkadischen
Landstrichen. An diese Erfordernisse
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