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DAS ERGEBNIS DER BAYRISCHEN GEWERBESCHAU
IN MÜNCHEN
1912
Die Bayrische Gewerbeschau hatte in ihren
Programmen und sonstigen Kundgebungen
an die Oeffentlichkeit wiederholt und ausdrücklich
betont, daß sie in dem Zustandebringen einer
guten Ausstellung ihre Aufgabe nicht erfüllt
sehe. Denn für alle, denen es ernsthaft um
Gewerbeförderung zu tun sei, könne eine Ausstellung
nicht Selbstzweck sein. Eine dauernde
Befruchtung sowohl des Gewerbes als der mit
ihm zusammenarbeitenden Kunst könne vielmehr
nur durch die aus den Vorarbeiten zur
Ausstellung sich ergebenden
Beziehungen und Anknüpfungen
und deren
immer reichere Ausgestaltung
erzielt werden.
Was aber die in unserer
Zeit so heiß erstrebte Hebung
des Konsumentengeschmacks
anlange, so
müßten, um sie herbeizuführen
, die Nachwirkungen
der Ausstellung dauernde
sein. Hebung des
Konsumentengeschmacks
aber, das wissen wir, ist
gleichbedeutend mit Hebung
des Produzentengeschmacks
. Wird nach der
guten, geschmackvollen
Ware, wie sie die Gewerbeschau
zwar nicht
durchgehends zeigte, aber
literarisch und organisatorisch
so intensiv propagierte
, von den Konsumenten
gefragt, wird erst
einmal der Schund und
Kitsch nicht mehr ver-
langt,dann ist dieSchlacht
schon halb gewonnen . .
Mag man sagen, was
man will, und mag uns
auch der heurige sogenannte
„kunstgewerbliche
" Weihnachtsmarkt
wieder Unmöglichkeiten
und Geschmacklosigkeiten
in Hülle und Fülle gebracht
haben — umsonst
war die Gewerbeschau in
ihrer Zweckbestimmung
als Geschmackspropagan-
distin der gewerblichen
EMIL KELLERMANN-NURNBERGa ELEKTRISCHE
LAMPE FÜR EIN DAMENZIMMER (vgl. s. 246/7)
Produktion ganz gewiß nicht. Da sitzt z. B.
irgendwo auf dem Land ein Töpfer, der, begabt
mit einem durch Tradition vor Verkitschung
bewahrt gebliebenen Geschmack, seine Gefäße
und Ofenkacheln nach einer alten Technik
in solidester Ausführung formt. Er hat, da
er auf der Gewerbeschau ausstellte, unerwartet
günstige geschäftliche Beziehungen angeknüpft,
die ihm für seine Produkte dauernde Abnehmer
garantieren: ein Stück tüchtiger Heimatarbeit
wird durch diese Verbindungen fortan in weitere
Kreise getragen. Und da
ist eine Fabrik, die — sagen
wir — Papiermache-
Waren herstellt. Sie wollte
bei der Gewerbeschau
ausstellen, aber ihre „Muster
" erwiesen sich als
unbrauchbar. Man hat ihr
daher durch berufene
Künstler neue, gute, geschmackvolle
anfertigen
lassen. Der so gewonnene
„Artikel" hat sich
gut eingeführt, er bewährt
sich, und die Fabrik wird
sich auch ferner der Mithilfe
dieser Künstler bedienen
.
Das sind zwei markante
Beispiele. Denn sie
zeigen nicht nur Erfolge,
sondern sie zeigen diese
Erfolge in Abwandlungen
nach zwei Seiten hin: Der
Industrielle soll gefördert
werden, indem man
ihm geeignete künstlerische
Kräfte zur Mitarbeit
nachweist, der Handwerker
aber soll aus sich
selbst heraus, mehr durch
Anleitung, Unterweisung
und Anfeuerung als durch
Hinausgabe von Modellen
und Vorbildern,die er sklavisch
nachzuahmen hätte,
in der Qualitätsproduktion
vorangetrieben werden
. In den beiden Fällen,
die ich im Auge habe, die
aber nur zwei von vielen
Hunderten sind, wurden
diese Erfolge erzielt.
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