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ARCH. ALBERT GESSNER-CHARLOTTENBURG □ □ HAUS GUCKEGONNE: GÄRTNERHAUS UND BIRKENGRUND
HAUS GUCKEGONNE VON ALBERT GESSNER
Es wird immer merkwürdig bleiben, wie
Geßner nach Berlin gekommen ist, wie
er gerade in Berlin zur großen Wirkung kommen
konnte. Berlin und Geßner, es will so gar
nicht zusammenklingen. Im tiefsten Wesen
sind es Gegensätze, die sich abstoßen müßten.
Max Reinhardt mit seinem Zirkustheater,
Peter Behrens mit seinen Fabriken, seinen
Arbeitermöbeln, seiner Schinkel-Nachfolge, das
ist Berlin, ist Geist von dem Geist der
Metropole. Aber dieser Geßner, dieser erz-
gebirgische Waldmensch mit der Schwindseele
---
Es wird unbegreiflich bleiben, wie dieses
weich besaitete Gemüt, dieser schwindhaft
zarte Dörfler sich an das großstädtische Problem
der Großstadt: die Mietkaserne wagte, wie er
es fertig gebracht hat, hier weithin beachtete Lösungen
zustande zu bringen. Oder sollte es zu
den exzentrischen Grotesken dieses Weltenjahrmarkts
gehören, daß er die gerissensten,
waghalsigsten Bauschieber wie blinde Oedipusse
an der artverwandten Mietkaserne vorbeilaufen
läßt, während so ein Fremdling, an dem auch
gar nichts Berlinisches ist, ihr Metier zu revolutionieren
beginnt. Gewiß, sie lächeln über
Geßner. Sie haben recht, ganz recht behalten.
Er hat sie nicht unmöglich machen können.
Er hat, wenn das überhaupt sein Ehrgeiz gewesen
wäre, keinen, keinen einzigen von ihnen
aus dem Sattel gehoben. Er ist wirklich nicht
aus dem Granit, der ein Berliner Terrainunternehmertum
zermalmen könnte, und was
er adrett und gefällig machte, war viel zu
gemütlich, viel zu ländlich sittlich, als daß es
mehr denn eine Arabeske werden konnte in
dieser Welt der Untergrundbahnen, der „Kulturwohnungen
", der Metropolbeine und Mitternachtbars
.
Aber es bleibt die Tatsache, daß dieser
Geßner der erste wirklich kultivierte Mensch
war, der sich getraute, den Götzen der neunfach
geheiligten Berliner Mietkaserne zu zerschlagen
, der erste, der hier überhaupt wieder
ein architektonisches Problem sah.
Vielleicht war das seine Sendung, gerade
weil er der Großstadt als ein Fremdling
gegenüberstand. Weder als eine Selbstverständlichkeit
noch als eine Notwendigkeit vermochte
er sie hinzunehmen. Sie war ihm
eben noch nicht so tief in Fleisch und Blut
übergegangen, als daß er ihre Art und mehr
noch ihre Unart unbesehen hinzunehmen vermocht
hätte. Als Schwärmer glaubte er, man
Dekorative Kunst. XVI. 7. April 1913
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