Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 28. Band.1913
Seite: 323
(PDF, 180 MB)
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farbig und belebt entworfen hat, wie das bißchen
Ornamentwerk, das er über eine Stuhllehne
, eine Heizkörperverkleidung oder eine
Türfüllung ausstreut. Das wahrhafte Schaustück
dieses Häuschens ist, wie schon erwähnt
, das Schlafzimmer der Kinder mit seiner
Schneewittchenstimmung. Man hat das
Gefühl, als ob sich da der wahre und wirkliche
Geßner restlos enthüllt habe. Vielleicht
ist er hier echter als in den ganz großen Miethäusern
, die er gebaut hat, als in den meisten
Einrichtungen, die von ihm geschaffen worden
sind. Es ist wohl nicht nur der Vater, der
seinen Kindern so ein wundersames Idyll aufbaut
, sondern es ist der Architekt, der die Gelegenheit
ergreift, Gemüt und Seele ausströmen
zu lassen. Die Leute vom Fach, die mächtigeren
Wallungen nachzugeben trachten, werden
dafür womöglich nur ein leichtes Achselzucken
haben. Und jenen anderen, die so viel von der
Kunst im Leben des Kindes geschwärmt und
geschwätzt haben, dürfte wohl auch das Organ
für eine solche phrasenlose Herzlichkeit fehlen.
Immerhin, dieses Schlafzimmer
hat etwas von dem
Märchenduft eines Schwind-
schen Aquarells. Mit Tschu-
di, der Schwind so fein
analysiert hat, möchte man
auch hier von einem Streben
nach den Wirkungen
der poetischen Erzählung reden
. Auch hier scheint einer
am Werk gewesen, der unberührt
von dem Ringen nach
bildmäßigem Ausdruck geblieben
ist, einer, der im
Grunde seines Wesens ein
Fabulierer ist, der mehr das
Erdachte als das Geschaute
darzustellen vermag.

Fürwahr, auf der Suche
nach einer Formel für den
Gestalter, der hinter diesem
Haus Guckegönne steht,
drängen sich einem unwillkürlich
solche Vergleichun-
gen auf. Es ist klar, daß
diese Art nicht marktgängig
zu werden vermag. Von anderen
angenommen oder im
großen betrieben, müßte sie
zur Banalität werden. Es ist
auch nicht denkbar, daß diejenigen
, die bis ins Mark
von dem modernen Rationalismus
durchsetzt sind, sich auf sie einzustellen
vermögen. Das Organ dafür dürfte ihnen nun
einmal fehlen, und es ist auch gar nicht zu
wünschen, daß sie es sich anzueignen trachten
. Man hat es eben instinktiv, wie es dieser
Geßner hat, oder man steht mit seinem
Hirn und seinem Verlangen nach der großen
Form vor immer verschlossenen Toren. Es ist
genug, zu begreifen, daß es eine Seite des
deutschen Wesens ist, die sich in Geßner manifestiert
, und die aller Unterdrückung zum Trotz
doch immer wieder an die Oberfläche drängt.
Eine Stadt wie Berlin macht diese Seite leicht
vergessen; aber wo der Berliner hinausschwärmt
in die freie Natur, verfällt er ihr um so lieber,
um so zügelloser. Paul Westheim

Vfor dem großen Atemzug der Gottheit, die in
* Wald und Wiese, auf Bergen und im Tal lebt,
muß das bißchen Menschlichkeit bescheiden und
stille werden. Das Stadthaus mag ruhig den breiten
Weg der Gewohnheit einmal energischer verlassen.
Dem aber, der in die freie Natur hinausbaut, sei

Erich Haenel

deren Antlitz heilig.

ARCH. ALBERT GESSNER

TREPPE ZUM OBERGESCHOSZ

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