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ADELBERT NIEMEYER
SCHLAFZIMMER
Ausführung: Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst, G.m.b.H., Hellerau bei Dresden
NEUER DEUTSCHER HAUSRAT
Daß die neue Gewerbekunst, die Deutschland
sich im Verlaufe des letztvergangenen
halben Menschenalters errungen hat, nicht als
das Ergebnis einer Bewegung formaler Gedanken
aufzufassen ist, wird auch im Lager
ihrer Gegner heute nicht mehr geleugnet. Wenn
diese Erkenntnis aber erst verhältnismäßig
spät eingesetzt hat, so ist das nicht zum geringsten
Teil die Schuld einer Gruppe von
Zeitgenossen, dieinder Befangenheit bestimmter
ästhetischer odergeschmacklicher Spekulationen
die inneren Triebkräfte des Umschwungs übersahen
—■ oder zu übersehen vorgaben. Man
besinnt sich wohl noch auf die Zeit, wo man z. B.
ernsthaft die Behaglichkeitswerte der Raumkunstderdeutschen
Renaissance mit der abstrakten
Romantik des Tentakelstiles verglich, auch
sonst inkommensurable Größen munter in eine
ästhetische Rechnung einstellte, deren innere
Mathematik von der Regeldetri der ehrwürdigen
Stilfrage so weit entfernt war wie ein
Mercedeswagen von einer Dräsine.
Wir wären undankbar, wollten wir die anspornende
und stählende Kraft vergessen, die
auch in solchen Angriffen und Einwänden lag.
Sicherlich hat der Hinweis auf die formale
Tradition, so oft abgeschüttelt wie verlacht,
dennoch die Bewegung nach einer bestimmten
Seite hin gefördert. Gewisse raumbildnerische
Stimmungskoeffizienten, die man
bei ruhigem und vorurteilslosem Einfühlen in
die Erzeugnisse älterer Handwerkskunst
spürte, einzelne Natürlichkeiten und Feinheiten
der Materialbehandlung, dazu besondere
technische Vervollkommnungen aus früheren
Perioden konnten in die Behandlung moderner
Nutzkunstprobleme hinübergerettet werden.
Tiefere Konflikte jener Sturm- und Drangzeit
der Moderne brauchten sich indessen aus
derartigen Angriffen und Vergleichen nicht
zu ergeben. Eher erwuchsen sie aus der
immer mehr in die Breite sich weitenden Idee
von der Notwendigkeit, den gesamten Daseinsrahmen
des Maschinenzeitalters neu zu schaffen,
und ihrem Zusammenprall mit den Theorien
des Klassikers der neueren Renaissance, John
Ruskins. Ruskins Lehrsatz, den Wert des
Kunstwerkes darnach zu bemessen, wieweit
der Künstler den Gehalt seiner Persönlichkeit
dem Werk seiner Hände aufzuprägen
vermag, ist heute Allgemeingut unserer kunstgewerblichen
Aesthetik. Sein Verlangen nach
einer in seinem Sinne allein nationalen Kunst,
das heißt nach einer solchen, an der ein
ganzes Volk ausübend und genießend beteiligt
ist, bricht sich an der Erkenntnis, daß unser
ganzes wirtschaftliches System gerade im entgegengesetzten
Sinne wirkt. Die höchstgesteigerte
Technik, die Herrschaft der durch
sie gestützten Industrie raubt dem Menschen
sein heiligstes Recht: die Freude an der Arbeit.
Nicht nur Erfindung und Ausführung sind in
der industriellen Arbeit aufs schärfste getrennt;
die mechanische Tätigkeit selbst ist in einzelne
Etappen zerlegt, die zwar in ihrem Ergebnis wie
Glieder einer Kette ineinandergreifen, deren
Dekorative Kunst. XVI. 7. April 1913
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