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LANDHÄUSER VON HERMANN MUTHESIUS*)
Als Hermann Muthesius vor etwa 15 Jahren
begann, die Idee des Landhausgedankens
in Deutschland zu propagieren, fand er nicht,
wie wenige Jahrzehnte vorher Norman Shaw
in England, die Tradition einer hochkultivierten
nationalen Wohnweise vor, die er nur hätte weiter
zu entwickeln brauchen. Er war vielmehr gezwungen
, das Unzulängliche und Kulturlose der
herrschenden Wohnungsverhältnisse zu brandmarken
, den üblichen Typus der ländlichen
Villa mit all ihren Unsinnigkeiten lächerlich
zu machen und die fast barbarische Anspruchslosigkeit
aller Kreise in bezug auf Art und
Form des Wohnens an den Pranger zu stellen.
Ein langjähriger Aufenthalt in England hatte
ihn den günstigen Einfluß gesteigerter Wohnbedürfnisse
auf die Entwicklung des Hausbaues
erkennen lassen und ihn zugleich auch gelehrt
, daß der Mangel solcher Wohnbedürfnisse
die Ursache für den Tiefstand deutscher Hausbaukunst
bildete. Worauf es ihm also zunächst
ankam, war die Erweckung und Steigerung der
Bauherrn-Ansprüche, war die Propagierung
der Idee gesunden und komfortablen Wohnens
in ländlicher Umgebung und in unmittelbarer
Verbindung mit Natur und Gartenkunst, und es
war nur natürlich, daß er dabei, auf Grund
*) Landhäuser von Hermann Muthesius.
294 Abbildungen und Pläne ausgeführter Bauten
mit Erläuterungen des Architekten. Verlag F. Bruckmann
A. G. München. In Leinen gebunden 15 Mark.
— Die Abbildungen auf den Seiten 345—360 wurden
dem Buche entnommen.
seiner Studien in England, zu agitatorischen
Zwecken immer wieder das Beispiel des englischen
Hauses herangezogen hat. Er hätte
mit gleichem Erfolg statt dessen auch auf die
älteren Beispiele seiner engeren Heimat, namentlich
aus Thüringen, hinweisen können,
auf die prachtvollen, bürgerlichen Wohn- und
Landhäuser der Zeit um 1800 und der Biedermeier
-Epoche, wie das später mit vielem
Geschick Schultze-Naumburg und Paul Mebes
mit ihren Publikationen getan haben, und er
hätte sich so auf billige Art die kindische
Anfeindung der Deutschtümler und Auslandhasser
ersparen können, die ihm in ihrer
patriotischen Beschränktheit die fruchtbare
Verwertung englischer Anregungen ebenso
wenig verzeihen können, wie sie jemals über
Liebermanns Beziehungen zum französischen
Impressionismus hinwegkommen werden. Immerhin
bot das englische Beispiel den nicht
zu unterschätzenden Vorteil, daß das Land
trotz aller Wandlungen in politischer, gesellschaftlicher
und volkswirtschaftlicher Hinsicht
grundsätzlich an der höheren Lebensform des
Wohnens im Einzelhause festgehalten hat, und
daß somit eine lebendige Entwicklung des
Wohnhausbaues auch bis in die jüngste Zeit
hinein sich verfolgen ließ. Das, was Muthesius
am englischen Hause im Vergleich mit deutschen
Verhältnissen vorbildlich erschien, war
vor allem die nachdrückliche Betonung aller
rein sachlichen Forderungen: daß der Engländer
sein Haus für sich selbst baut, daß er mehr
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Dekoratlre Kunst XVI. 8. Mai 1913
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