Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 28. Band.1913
Seite: 380-381
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LEBERECHT MIGGE-BLANKENESE

lediglich auf die Gestalt dieser und jener Einzelheit
. So sind die vielfachen Formen von
Privatgärten, wie sie die Großstadt hervorbringt,
nichts anderes als Typen, wie sie sich unter
dem Einfluß bestimmter Zwangslagen entwickelt
haben. Aber auch die freieren Gärten des
Landhauses draußen oder die Stadtparks unterliegen
diesem Gesetz. Der öftere Gebrauch führt
schließlich auch hier zu bestimmten, wiederkehrenden
Kombinationen aus freien Stücken.
Es bildet sich ein Herkommen aus in bezug
auf die Verbindungen von Gartenteilen untereinander
, in ihrer Lage zur Sonne und vor
allem in ihrer Beziehung zum Hause. Ein
Laubengang bildet wohl immer zweckdienlich
zugleich eine Grenze des Grundstücks oder
diejenige zwischen Nutz- und Ziergarten; einen
Rosengarten öffnet man möglichst der Morgensonne
, und die Südwand unseres Hauses wird,
wirtschaftlich vernünftig, edlere Schlingertragen
als die Nord- und Westseite. Der Kinderspielplatz
soll vom Zimmer der Hausfrau bzw. von
der Küche gut zu überschauen sein. Aus dem
Speiseraum auf Blumen zu sehen, entspricht
einer schon älteren, gefestigten Gepflogenheit,
und nicht selten führen die Stufen der Gesellschaftsterrasse
, hinter die heute der Architekt

TYP EINER MODERNEN PARKANLAGE

gern die eigentlichen Wohnräume der Familie
legt, direkt auf den freien Rasenplan. Haus
und Garten greifen immer inniger ineinander,
ihre Teile bedingen sich steigend energisch.
Alle diese Erscheinungen aber bedeuten im
Grunde nichts anderes als Vorbereitungen zur
Typenbildung.

Genau der gleiche Prozeß hat beim neueren
Landhausbau heute schon zu gewissen, allgemein
gültigen Normen und unter diesen wieder
zu bestimmten Abstufungen geführt, und es
sind gerade unsere bedeutendsten Architekten,
die in diesem Sinne typisch bauen. Nur die
kleinen Gernegroße und Pseudo-Individualisten
„wiederholen sich nie".

So stehe ich nicht an, zu erklären, daß ich
mir ganze Gärten als Typen in nicht zu ferner
Zukunft sehr wohl denken kann. Es ist selbstverständlich
, daß diese Entwicklung zuerst bei
den Gärten der Hunderttausend, den kleinen
und kleinsten Arbeiter- und Gartenstadtgärten
einsetzen wird. Aber je mehr sich die begüterten
Stände in Berufen und Zirkeln einerseits zusammenschließen
und gesellschaftlich andererseits
sich voneinander trennen, desto leichter
wird auch für diese ein Typengarten, wenn
auch formal dehnbarerer Art, denkbar sein.

Um das zu verdeutlichen, möchte ich aus vielen
Ansätzen meiner praktischen Tätigkeit einige
Gärten herausgreifen. Besonders instruktiv
scheint mir in dieser Hinsicht der Garten zu
einem Hause, das Professor Riemerschmid für
Dr. Naumann in Riesa erbaute. Hier waren
günstige Vorbedingungen gegeben. Richtige
Lage des Hauses zur Sonne, im Grundstück und
im Niveau, klare, unbeugsame Verteilung und
Größenbemessung der Räume, Scheidung von
Berufsausübung und Familienleben, von Wohnen
und Wirtschaften, genaue Kenntnis der Familienmitglieder
, ihrer Neigungen und ihres gesellschaftlichen
Sichgebens — alles das sorgsam
gegeneinander abgewogen und der Situation
angepaßt. Da wurde ein Garten daraus, von
dem ich sagen möchte, daß ich, noch einmal
vor die Aufgabe gestellt, ihn im wesentlichen
ebenso lösen müßte. Es wurde beinahe der
Gartentyp eines Arztes. (Abb. S. 382.)

In ähnlicher Weise läßt sich die geschilderte
typische Gliederung aber auch auf jeden einzelnen
der beigegebenen Gärten beziehen.
Auf den kleinen Stadthausgarten W. in Hamburg
, sowie auf die Landhausgärten M. in Aumühle
, F. T. in Kl. Flottbek u. K. in Blankenese.
Diese letzteren stellen so recht den gängigen

Typ einer heutigen gutbürgerlichen Siedlung
vor den Toren dar, und sie sind auch außerdem
noch deshalb gewählt, weil je einer dieser
Gärten wieder typisch die Situation eines Landhausgartens
in der Ebene, eines solchen im
Waldgebiet und eines Gartens am Hang
(Geestrand an der Elbe) verkörpert. Auch in
dem recht ausgedehnten Park in Wohltorf
habe ich den Gesetzen der Typenbildung erkennbar
zum Durchbruch verhelfen können.
(Abb. S. 380/81.) Sämtliche Gärten sind von
der Firma Jakob Ochs-Hamburg in den letzten
Jahren ausgeführt worden.

Ehedem gab es nur eine verhältnismäßig
geringe Zahl von Menschen auf dem Fleckchen
Erde, das jetzt Deutschland bedeutet. Von
diesen wenigen konnte man, wenn sie kulturelle
Steigerungen ihres Daseins hervorzubringen
sich bemühten, billig erwarten, daß jeder einzelne
individuelle Leistungen hervorrief. Jedwede
hervorragende Handlung beruhte damals
nur auf einem kleinen Kreis. Nunmehr leben
wir, das Vielfache jener Zahl, auf derselben
Fläche, und die Bedürfnisse des Einzelnen
sind wahrlich nicht geringer geworden. Die

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