Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 28. Band.1913
Seite: 393
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I

' WELTMANNISCHES KUNSTGEWERBE

1
I

E. Preetorius. Initial

as deutsche Haus mit seinen
Kunstgewerbe - Räumen war
1910 in Brüssel Gegenstand
der Diskussion, so oft man
mit Ausländern über diese
Völkerschau disputierte. Man
weiß, es machte Aufsehen.
Besonnene Leute waren sich
auch klar darüber, daß dieses
Aufsehen nicht eitel Bewunderung
war. Die große Einheitlichkeit und zielstrebige
Energie mußte man uns ja anerkennen;
aber neben der Anerkennung gab es doch so
manches harte, abweisende Urteil, dem man mit
dem besten Willen nicht widersprechen konnte.
Ein paar Franzosen, die ich gern überzeugt hätte
und prinzipiell und theoretisch wohl auch überzeugt
zu haben glaubte, hatten eine ganze Menge
abweisender Gebärden, als wir schließlich in
dem deutschen Haus von Raum zu Raum gingen.
Das war ihnen zu dumpf, zu schwer, zu lehrhaft,
zu sehr erklügelt, zu viel Reißbrettdoktrin. Sie
als Leute von Welt, die an allen Dingen ihres
Besitzes eine selbstverständliche Nonchalance an
erster Stelle zu schätzen wissen, murmelten
etwas vom deutschen Unteroffizier und deutschen
Oberlehrer, und mit den Möbelkonstruktionen
, an denen wir vorbeischritten, konnte
man sie tatsächlich nicht gut widerlegen. So
schwer es einem auch fallen wollte, man mußte
ihnen allzu oft nur beipflichten, wenn sie
diesen Mangel an weltmännischer Gelassenheit
feststellten. Für Menschen von
Geschmack und Kultur war doch noch sehr,
sehr vieles, was deutsche Kunstgewerbezeichnerhirne
ausgetüftelt hatten, eine ganz theoretische
Angelegenheit. Es war, wie man mir
glauben kann, keineswegs angenehm, Leute,
die man von dem Wert unserer unleugbar richtigen
Ideen überzeugen wollte, so im Recht
zu sehen. Bis wir auf einmal in dem Speisezimmer
von Karl Bertsch standen. Für
meine Begleiter gab es eine Verlegenheitspause
. Gegen dieses aparte Zimmerchen mit
seiner noblen Struktur und seiner munteren
Frische hatten sie keinen Einwand mehr. Wie
das silbrig graue Holz in schön geschwungenen
Flächen aufleuchtete, wie das Grün der Lederbezüge
oder das Blau einer Sofanische mit
Stühlen, Schränken und Tischen eine heitere
und gefällige Stimmung gaben, war auch für
skeptische Beurteiler überzeugend. Man hatte
das Gefühl vor Möbeln, vor modernen, neudeutschen
Möbeln zu stehen, in denen man

wirklich wohnen könnte. Vor ihnen fingen
auch die Fremden an zu begreifen, welche
Möglichkeiten einer neuen Wohnkultur doch
hinter unseren Theorien steckten. Dieser Raum
war mir Nothelfer, war mir den anspruchsvollen
Zweiflern gegenüber Bestätigung. In
diesem Raum habe ich Bertschs Meisterschaft
schätzen gelernt.

Es war kein Zufallsprodukt seiner Hand.
Immer sieht man ihn diesen Ton einer weltmännischen
Gelassenheit treffen. Was er formt,
ist selbstverständlich geschmackvoll. Aus einem
gepflegten Gefühl heraus schafft er den Menschen
, die er ausstattet, eine gefällige Neutralität
. Alles hat Reife, Harmonie, Delikatesse
. Bertsch hat eigentlich nie das, was
man im Anfang der Bewegung „Künstlermöbel
" genannt hat, geschaffen. Die Ekstase des
kühn strebenden Experimentators ist ihm fremd.
Sein Hausrat ist in keiner Weise „Dokument".
Er ist nicht originell. Absonderliche Farben,
absonderliche Konstruktionen, absonderliche
Silhouetten gibt es an seinen Sachen nicht.
Er hat eben nichts gemein mit den kleinen
Dekorateuren, die irgendwann einmal einen
grotesken Einfall gehabt haben und mit ihm nun
eine Möbelsaison lang Raumeffekte „schaffen".

Der Versuch, solch einen Raum von Bertsch
begrifflich zu definieren, zeigt, wie das gemeint
ist. Es gibt da keine Aeußerlichkeiten,
an die man sich bei der Schilderung halten
könnte. Keine Geste und kein Prinzip, auf
die diese Dinge festzunageln wären. Sie sind
so selbstverständlich geformt, daß man gar
nicht auf den Gedanken kommt, daß sie anders
sein könnten. Man kommt auch nicht
zu der Frage, wer denn ihr Urheber sei, wer
einen solchen Schrank oder Stuhl denn erfunden
habe. Was man da vor sich sieht, erscheint
als ein natürliches Produkt moderner
Geselligkeit.

Diese schlichte Noblesse mag Ursache sein,
daß Bertsch in der breiten Oeffentlichkeit mehr
als recht zurückgesetzt scheint. Man hört seinen
Namen nicht überall, wo von einem neuzeitlichen
Kunstgewerbe bei uns die Rede ist.
Es ist kein Publikumsname, den jeder, der sich
den Anschein gibt, etwas von der neuen Möbelkunst
zu verstehen, im Munde führt. Es
läßt sich mit seiner Neutralität, die immer bestrebt
ist, unpersönlich zu werden, auch nicht
so bequem wirtschaften wie mit den Werten,
denen die eingebildete Persönlichkeit aus jedem
Profil herausguckt. Das ist auch der

Dekoratire Kunst. XVI. 9. Juni 1913

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