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EMIL PREETORIUS
Wunderhorn-Verlag, München
EMIL PREETORIUS
TITELZEICHNUNG
E. Preetorius, Initiale*)
ie sogenannte „Münchner Illustratoren
-Schule" ist eine
ganz äußerliche und fast zufällige
lokale Verknüpfung der
verschiedenstgearteten Individualitäten
. Geht man tiefer
auf Art und Kunst der einzelnen
Persönlichkeiten ein,
so ergeben sich zwischen
ihnen wenig künstlerische Beziehungen
, und das eigentlich Kunstmünchnerische
tritt nur bei sehr wenigen entscheidend
in die Erscheinung. Es sind dies die humorigen
„Fliegenden Blätter"-Illustratoren Oberländer,
Hengeler und Eugen Kirchner, Künstler, die
in Spitzweg, Pocci, Neureuther ihre Ahnherren
zu verehren haben. Auch in Ignatius Taschner,
Rudolf Schiestl, Ferdinand Spiegel und in dem
manchmal allzu lauten Paul Neu ist der Zug
des Münchnertums, allerdings reichlich durchspickt
mit bäuerlichen Zügen, ergründbar.
Dagegen fehlt dieses Kunstmünchnertum fast
ganz bei jenen Graphikern, die heute den
Ruhm der Münchner Illustrationskunst am
weitesten hinaustragen, bei den Künstlern des
*) Aus „Poe, Seltsame Geschichten", Verlag josef Singer, Straßburg.
i
„Simplicissimus" und der „Jugend". Gewiß,
das sind charakteristische Münchner Zeitschriften
, die im Kulturbild der Stadt sogar eine bedeutende
Rolle spielen, aber ihre Künstler |
(vielleicht Thöny, Schmidhammer, Julius Diez j
ausgenommen) sind unmünchnerisch, obwohl |
sie nach Wohnort und Sitte Münchner ge- I
worden sind. Ich weiß für Th. Th. Heine und I
Gulbransson, für Rieth und Weisgerber keinen '
Anknüpfungspunkt in der Entwicklung Münchner
Illustrationskunst. Diese Künstler sind so ,
sehr Eigenwesen, so sehr von fremden, d. h. i
außermünchner Kulturmomenten durchdrungen, |
daß man ihnen Zwang antun müßte, wollte man |
sie anders als isolierte Erscheinungen beirach- |
ten. Sie schaffen auch so sehr aus der eigenen I
Empfindung, aus dem unverlierbaren Schatz '
ihres Wesens heraus, daß sie sich nicht im
mindesten um die Münchner Tradition bekümmern
. Ich finde, daß das nur begrüßens- ,
wert ist. Denn damit bleibt alle Monotonie (
ferne, alle Typenhaftigkeit, die uns beispiels- |
weise die Porträtkunst der Wilhelm von Diez- |
Schule bei allem Respekt vor den in ihr ver- I
einigten künstlerischen Qualitäten oft recht lang- I
weilig erscheinen läßt. Hier aber sprudeln die '
Dekorative Kunst. XVI. 9. Juni 1913
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