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Phot. Frank Eugene Smith-München
GABRIEL VON SEIDL f
Mit ihm ist ein wirklicher Baukünstler dahingegangen
, und eine spätere Zeit wird
klarer noch erkennen als die heutige, daß
Gabriel von Seidl ein Vierteljahrhundert lang
das baukünstlerische Gewissen seiner Vaterstadt
München war.
Von diesem heimatlichen Boden aus wird
man ihm am besten gerecht, denn in ihm
wurzelte er zeitlebens. Freilich nicht in der
Tradition der Residenz des Königs Ludwig I.,
sondern in derjenigen von jenem bürgerlichen
Altmünchen, das vor dem Klassizismus der
Klenze und Gärtner entstand. Seidls Anfänge
fielen in die Jahre nach dem siebziger Kriege,
den er als Kanonier mitgefochten hat. Damals
empfing er von dem Kreise der Gedon,
Seitz, Hirth zwei bestimmte Impulse, die seinen
eigenen Neigungen entsprachen: die Richtung
auf das Deutsche und auf das Bürgerliche
. Auch er ging vom deutschen Zimmer,
vom deutschen Hause aus in die Schatzkammern
der Vergangenheit, und genau so andächtig
begeistert wie Rudolf Seitz konnte er in den
Formen der deutschen Renaissance schwelgen.
Aber Seidl brachte etwas mit, was ihn und
seine Arbeit vor dem Verfall in allzu sklavische
Abhängigkeiten bewahrte: eine natürliche
baumeisterliche Begabung; eine konstruktive
Phantasie, die in Raumformen
dachte und gestaltete, für die der Rauminhalt
das primäre Element des Bauschaffens
war. Dieser sichere künstlerische Instinkt bewahrte
Gabriel von Seidl davor, im Kunstgewerblichen
, im Dekorativen stecken zu bleiben.
So ergriff er unverzagt jede Aufgabe, die
sich ihm bot, und es boten sich ihm viele:
nicht nur in München und Umgebung, sondern
durch ganz Süddeutschland, sogar bis nach
Berlin, Bremen und Schlesien reichte sein
Arbeitskreis. Er baute Kirchen und Bierhäuser
, Museen, Rathäuser, Villen und Geschäftsbauten
, Schlösser und Schützenzelte bunt
durcheinander. Geht man sie der Reihe ihrer
Entstehung nach durch, so wird man finden,
daß Seidl, der überzeugte Stilarchitekt, mit den
vorrückenden Jahrzehnten langsam „moderner"
geworden ist. Man vergleiche einmal in dem
schönen Werke „München und seine Bauten"
die St. Annakirche vom Jahre 1886 mit der
kleinen Rupertskirche von 1901. Die Wandlung
ist erstaunlich. In der Villa Lenbach
freilich oder im Münchner Künstlerhause, in
den Rathäusern für Ingolstadt, Worms oder
Bremen spricht er die alten Stilsprachen virtuos
nach, am flüssigsten und ganz im Einklänge
mit dem Zweck des Baues wohl im
Bayerischen Nationalmuseum, 1894 entworfen
. Fast gibt er hier ein biologisches Anschauungsbeispiel
der Baukunst: die entlegensten
Stilelemente, friedlich gesellt, sind zu einer
unleugbar anmutigen, fast kapriziösen Einheit
verschmolzen. Dann aber sein Deutsches
Museum, seine letzte Arbeit, die sich langsam
aus den Gerüsten dehnt. Kann man hier
noch von „Stilmeierei" sprechen? Glatte
Wände, strenge Firstlinien, ein quadratischer
Eckturm, trotz seiner Höhe kühn aus der Baumasse
herausgestellt — in diesem Betonbau
klingt doch der herbe Rhythmus einer Gegenwart
, die auch vom Museum Arbeit für die
Zukunft verlangt. Dasselbe Stilgefühl, das
Gabriel von Seidl leitete, wenn er für die Marktstraße
in seinem geliebten Tölz die bunten
Schauseiten mit den breiten Zickzackgiebeln
rettete, wenn er den Münchnern die wilden
Isarhänge erhalten half, — leitete ihn auch
bei dieser größten Aufgabe seines Lebens zu
einer Lösung, die einen genialen Zug hat.
München verdankt ihm viel, weit mehr, als
er selbst gebaut hat. Und wer immer von
jüngeren Architekten von der Münchner Schule
gelernt hat, der trägt auch, bewußt oder unbewußt
, ein Werkzeichen von dem schlichten
und vornehmen Geiste Gabriel von Seidls in
sein Schaffen und in die neue deutsche Baukunst
hinein. Eugen Kalkschmidt
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