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josef goller-dresden
Wirkungskreis, und die riesigen, so gewonnenen
Fenster traten der Ueberfülle des Tageslichtes
mit der Kraft ihrer immateriellen Farbenglut
entgegen. Auf der andern Seite aber raubte
die Steigerung des Vertikalismus und die Ueppig-
keit des Maßwerkes der Glasmalerei die Möglichkeit
des freien Sichauslebens in der Breite,
die ihr der romanische Stil mit seinen Rundbogenfenstern
gewährt hatte, und zwang sie, die
einzelne Standfigur und das Ornament in den
Mittelpunkt ihres Schaffens zu rücken. In dem
Silbergelb, d. i. das mit Ocker oder Lehm gemengte
Schwefelsilber, das nach dem Brennen
eine goldgelbe Farbe ergibt, schuf sich die Kunst
eine neue, außerordentlich ausdrucksvolle dekorative
Note; auch die Ueberfanggläser mehren
sich, und die Windeisen schließen sich nun bei
größeren Fenstern denKonturen der Hauptflächen
an. Ein Abgehen von dem vollfarbigen Stil
findet sich erst im Frankreich des vierzehnten
Jahrhunderts: hier beginnt die Reihe der hell
und kühl gestimmten, farbenarmen Fenster, der
Grauscheiben, und damit die deutliche Neigung
zu bildmäßiger, dreidimensionaler Wirkung. Seit
dem Ende des Mittelalters folgt dann die Glasmalerei
dem Gange der Tafelmalerei; ihre individuelle
Größe schwindet in dem Grade, als
sie sich den architektonischen Gesetzen ihrer
räumlichen Umgebung entzieht.
Der Dresdner Paul Rössler ist im vollen
Besitze des zeichnerischen und malerischen
Könnens, das die Gegenwart trotz aller futuristischen
Seitensprünge nicht entbehren kann,
wenn anders sie nicht nur für den Augenblick
flüchtiger Sensation schaffen will. Dies Können
glasgemalde
aber steht im Dienste eines ausgeprägten Gefühles
für die natürliche Monumentalität der
Linie und für die eingeborne Mystik gewisser
farbiger Haupttöne, die gerade in der transparenten
Erscheinungsweise ihre stärksten Empfindungswerte
ausspielt. Er hat die Aufgabe
übernommen, in der Jakobikirche zu Chemnitz
den Chor mit Glasgemälden zu schmücken. Es
handeltsich hier um einen gotischen Bau, den die
Dresdner Architekten Schilling undGräbnerkürz-
lich eines Gewandes plumper stilistischer Putzelemente
entkleidet und aus dem Geiste derGe-
genwart würdig und individuell zu neuem Leben
erweckt haben. In den Grundtönen Rot, Grün
und Violett liegt die farbige Melodie dieser drei
Fenster: das Ornamentale ist ebenso groß und
bedeutend gefaßt wie die Gestalten des christlichen
Figurenkreises, um die sich in ruhiger
Anbetung die Engel scharen. Bei der Ausstattung
des prächtigen Sitzungssaales der Dresdner
Handelskammer, eines Werkes von William
Lossow und Max Hans Kühne, sollte der in
dunklem Holz getäfelte und mit einer schweren,
halb vergoldeten Kassettendecke geschmückte
Raum durch die Fenster einen Akzent heiterer
und beziehungsreicher Verklärung erhalten.
Hier entfaltet sich die andere Seite von Rößlers
Künstlerschaft: aus den krausen Formen lösen
sich bei näherer Betrachtung kräftige Linien
heraus, und aus dem gedämpften Grau leuchten
wie Edelsteine die wenigen farbigen Flecken
der Wappenscheiben. Auch dies ist eine klar
erwogene, von überzeugendem Stilbewußtsein
getragene Leistung.
e. Haenel
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