http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_28_1913/0518
WALTER SCHMARJE
MEDAILLON IM KUNSTAUKTIONSHAUS
LEPKE, BERLIN
AUSFUHRUNG IN STEINZEUG
: GROSZHERZOGLICHE
MANUFAKTUR, KARLSRUHE
zum ersten Male in der Frührenaissance auf.
Die berühmtesten Beispiele sind die Fayencereliefs
der Robbiaten, wie sie u. a. die Fassade
des Florentiner Findelhauses schmücken. An
diese Tradition knüpfen auch die hier veröffentlichten
Arbeiten an, die der Karlsruher
Maler und Keramiker Wilhelm Süs und der
Berliner Bildhauer Walter Schmarje in der
Großherzoglichen Manufaktur zu Karlsruhe
ausgeführt haben. Die für das Kruppsche
Wöchnerinnenheim in Essen bestimmten Kindermedaillons
von Süs insbesondere erinnern
auch in Gegenstand und Bestimmung an das
Florentiner Vorbild. Auch in der künstlerischen
Behandlung sind seine Medaillons von den Robbiaten
unmittelbarer abhängig als die freier komponierten
Reliefs von Schmarje. Im übrigen zeigen
diese Arbeiten in beiden Fällen, bei aller
Verschiedenheit der künstlerischen Persönlichkeit
, im Stilprinzip die gemeinsame Quelle ihrer
Anregung. Auch die farbige Behandlung ist dafür
charakteristisch: die Figur steht weiß auf blauem
Grund, und ein Rahmen von naturalistisch bemaltem
Ornament umgibt im Sinne der Robbiaten
kranzartig den inneren Kreis des Bildes.
Für die künstlerische Wirkung einer derartigen
Dekorationsweise spielt natürlich die
Art der Ausführung eine wesentliche Rolle.
Wenn die Form ausgeprägt ist, geht sie wieder
durch die retuschierende Hand des Künstlers.
Ebenso bleibt die Bemalung bis zum letzten
Pinselstrich der frei ausführenden Menschenhand
überlassen. So behält jedes Stück den
Charakter individueller künstlerischer Arbeit.
Es ist Kunsthandwerk im besten Sinne des
Wortes, künstlerisches Schaffen, das durch
den lebendigen Zusammenhang mit den praktischen
Kulturaufgaben der Architektur und
der Raumkunst befruchtet ist.
Die keramische Kleinplastik ist bis in die
neueste Zeit hinein fast die ausschließliche
Domäne des Porzellans und seiner Imitationen
gewesen. Erst im letzten Drittel des vergangenen
Jahrhunderts entstand mit der künstlerischen
Wiederbelebung des Steinzeugs und
der alten Fayence- und Majolikatechniken auch
auf diesem Gebiet dem Porzellan eine ernsthafte
Konkurrenz. Das bedeutete für die
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