http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_28_1913/0534
ARCH. EDUARD ZOTTER-WIEN
DAS HAUS OSTERREICH
BAUAUSSTELLUNG UND MODERNE ARCHITEKTUR*)
Ausstellungsbauten stehen unter den Gesetzen
einer besonderen Aesthetik. EssindZweck-
bauten, meist so sehr, daß sie nach Erfüllung
ihres Zweckes nach einem kurzen halben Jahr
wieder abgebrochen werden. Sie geben keine
reizvollen Ruinen, wie etwa die Burgen, Klöster,
Kirchen des Mittelalters. Man beseitigt sie so
gründlich, daß nach einem Jahr sich höchstens
der Fachmann ihrer noch erinnert.
Sie sind aber zugleich Monumentalbauten:
das heißt, sie sollen als solche wirken. Für
ein halbes Jahr sollen sie den Eindruck von
Pracht, von Reichtum erwecken. Und da ein
solcher nur dadurch hervorgerufen wird, daß
dem Bau der Schein des Augenblicklichen,
Vergänglichen genommen wird, so drängt es
die Künstler dahin, Formen von Wucht, mas-
*) Wir entnehmen diese Sätze einem ausführlicheren
Aufsatz in der Zeitschrift „Bauen und
Wohnen", der offiziellen Publikation der Internationalen
Baufach-Ausstellung Leipzig 1913.
siger Größe, starker Körperlichkeit zu wählen,
der Gesamtanlage einer Ausstellung den festlichen
Zug eines Forums zu geben.
Endlich sind die Bauten der Kosten wegen
aus einem minderwertigen Stoffe herzustellen.
Für kurze Zeit geschaffen, der völligen Vernichtung
nach der Zweckerfüllung gewiß, müssen
sie mit geringen Mitteln hergestellt werden
: Balken und Lattenwerk, umkleidet mit
Kalk, Gips, Zement.
Die Bauten sind selbst Ausstellungsgegenstände
— und zwar nirgends mehr als auf einer
Baufach-Ausstellung. Sie sollen zeigen, wie
die Architekten in ihrem Fach denken, welche
Stufe des Könnens sie erreichten; sie sollen
die Baugesinnung vergegenwärtigen, das ästhetische
Glaubensbekenntnis aussprechen.
*
Die „ewigen" Gesetze der Aesthetik leben
nach Ibsen höchstens zehn Jahre lang. Wir
sind vielleicht einem Sterbetage eines solchen
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