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Zusammenhang mit Lessing und mit Winckel-
mann zu bringen. Es war ein gutgemeintes,
aber verstaubtes und unnützes Beginnen. Unnütz
namentlich angesichts der jungen Kunst
Geigers, die fanfarenlaut ein neues Kunstevangelium
predigte . . .
Daß Geiger als Ausdrucksmittel seiner Kunst
die graphische Form wählte und sie, abgesehen
von malerischen Exkursionen, die aber nie das
Entscheidende von Geigers Kunst geben oder
auch nur geben wollen, während des nun hinter
ihm liegenden ersten Jahrzehnts seines Schaffens
beibehielt, erscheint mir nicht nur als ein Zeichen
der Selbstzucht und des schätzenswertesten
Konzentrationsbedürfnisses, sondern auch als
ein Zeichen hoher Klugheit. Geigers künstlerische
Veranlagung neigt zum Aphoristischen.
Ihm strömen aus einem unverbrauchten Innern
die Gedanken, Motive drängen sich ihm fast
allzureich zu, und sein Stift und seine Radiernadel
arbeiten so sicher, seines Stils endlich
darf er so gewiß sein, daß sich ihm die Gestaltenfülle
, die um ihn wogt, mit wenigen
Strichen in kurzer Zeit zum Bilde formt. Und
gerade diese unmittelbare Frische, dieses Nicht-
Ausgetüftelt-sein, dieses kecke, leichte Gestalten
, dieses straffe Durchhalten der gleichen
Stimmung gibt Geigers Blättern ihre Eigenart.
Ich könnte mir Geigers Arbeitsweise nicht
anders vorstellen, als er sie übt: nur so leicht,
keck, hüpfend, d. h. im besten Sinne graphisch
und nichts am Gewicht einbüßend, da
WILLI GEIGER-CHARLOTTEN BURG „DER SKANDAL" (RADIERUNG)
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