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WILLI GEIGER-CHARLOTTEN BURG
sie aus einem noch um kein Nennenswertes
verminderten inneren Schatze schöpft. Ich
könnte mir beispielsweise nicht vorstellen, daß
sich Geiger mit der Zähigkeit eines Wilhelm
Leibi vor seine Modelle setzt und mit einer
geradezu ingrimmigen Unerbittlichkeit gegen
sich selbst die letzten Möglichkeiten des Ausdrucks
aus den Modellen herausholt und in
seine Bilder bringt. Am „Kirchenbild" hat
Leibi drei Jahre lang gemalt; und es ist nur
selbstverständlich, daß der Künstler nicht drei
Jahre lang um sich und in sich die gleiche
Stimmung bewahren konnte; es kam ihm ja auch
gar nicht darauf an, Stimmungskunst zu schaffen,
sein Ziele lagen wo anders. Nicht so Geiger.
Ihm ist die Stimmung Anfang und Ende. Und
hat er auch die melancholische Philosophie-
haftigkeit seines entscheidenden Jugendwerkes
„Seele" in manchem abgetan, die Erinnerung
an diese Zeit, wo durch sein Werk immer der
knöcherne Tod spektakelte, ist in ihm unverloren
geblieben, und immer noch beherrscht
die Stimmung sein Schaffen, trotzdem er, wie
alle reif gewordenen Künstler, mehr und mehr
die Bedeutung der Technik erkennt und mit
STIERKAMPF-SZENE (RADIERUNG)
technischen Schwierigkeiten und Experimenten
liebäugelt. . .
Daß die in ihrer Sonderart bedingten Hemmungen
, welche die Malerei viel freigiebiger
an ihre Jünger „verschenkt" als die Graphik,
für das Eigentliche und Persönlichste seiner
Kunst wenig förderlich seien, hat Geiger schon
mit den wenigen Gemälden, die er schuf, bewiesen
. Man darf nicht glauben, daß ihn
malerische Schwierigkeiten oder die Furcht vor
dem Versagen der Kräfte abschreckten. Ich
kenne seine Kopien nach Velazquez und Goya
aus dem Madrider Prado — sie sind malerische
Meisterwerke, die in einer Geschichte des
Kopierens ihren Platz in der Nähe der Lenbach-
schenTiziankopien für den Grafen Schack finden
müßten. Denn auch die Geigerschen Kopien
bekunden wie diese, daß der Kopist durch
die Epidermis der Bilder hindurchsah, und
daß sich ihm ihr tieferes Wesen erschloß. Wer
aber Velazquez und Goya nicht nur erkennen,
sondern auch in großzügigen, transskribieren-
den Kopien nachschaffen kann, hat doch wohl
den Beweis erbracht, daß er sich auch der
Farben und des Malgeräts zu bedienen und
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