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PAUL BORNER
ODALISKE UND HARLEKIN
Ausführung mit Muffelfarben : Kgl. Porzellan-Manufaktur, Meißen
DIE KÖNIGLICHE PORZELLAN-MANUFAKTUR IN MEISZEN
UND IHRE NEUEREN ARBEITEN
Das moderne Porzellan könnte in diesem
Jahre, wo die Jubiläen und Denkfeiern,
die nationalen und höfischen Feste einander
drängen, wo keiner Gegenwartsbetrachtung die
Grundlage eines historischen Rückblickes fehlen
darf, auch ein Jubiläum begehen. Wenn das
nicht geschieht, so wird niemand darin einen
Akt der Pietätlosigkeit finden. Denn einesteils
darf eine aristokratische Kunst, wie sie in
Böttchers unsterblicher Erfindung ruht, die
breite Straße des Alltäglichen um so eher
meiden, als ihre Tradition mit patriotischen
und politischen Erscheinungen, welche heute
das Totalbild der Säkularbegeisterung beherrschen
, in keiner Weise verknüpft ist. Weiter
aber kann der Verzicht auf retrospektive Gedanken
als ein gutes Zeichen für die innere
Jugendlichkeit und Spannkraft gelten. Denn
eine Epoche, die ihr Antlitz mit deutlicher
Bewegung der Zukunft zuwendet, wird nicht
leicht dem Ausgraben vergangener Existenzbilder
zu viele Opfer bringen. Und das moderne
Porzellan hat sich einen festen Platz in dem
Kreise der Sinneskultur der Gegenwart erobert;
die Linie seiner Entwicklung weist, so viele
Einflüsse sie auch von den verschiedensten
Seifen umkreisen, nicht rückwärts, sondern
vorwärts.
Der Chronist hat das Recht, die Jahresringe
in dem mächtigen Stamm auch dann bloßzulegen
, wenn die Krone in einer Fülle kräftig
aufschießender Zweige und Triebe prangt. Es
war vor 25 Jahren, als die Königliche Porzellanmanufaktur
von Kopenhagen auf der Nordischen
Industrieausstellung zum ersten Male mit den
Arbeiten an die Oeffentlichkeit trat, die als
die Früchte ihrer künstlerischen und technischen
Reorganisation anzusehen sind. Unter
Leitung des Malers Arnold Krog war die
1754 gegründete Fabrik aus der Gedankenlosigkeit
der Rokoko-Nachahmung herausgerissen
und auf eine völlig neue und selbständige
Basis gestellt worden. Die Anregungen der
japanischen Keramik wurden von Grund aus
durchgearbeitet; aber die festesten Wurzeln
der neuen schöpferischen Kraft lagen doch
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