Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 28. Band.1913
Seite: 487
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I

arch. karl surber-augsburg

Bei allem sichtbaren Gestalten dirigiert uns
Menschen die Rücksicht auf die Erscheinung
in einem Maße, daß wir diese Rücksicht
gar nicht hinwegzudenken vermögen.Unser Auge
ist der ständige Kontrolleur dessen, was wir
sichtbar tun, wobei wir die Form nach einem
unserem Gehirne eingepflanzten Gesetze bilden,
beurteilen und handhaben. Dieses Gesetz wirkt
selbsttätig, wir können uns ihm nicht entziehen,
selbst wenn wir es wollten. Auch bei den
Dingen, die ausgesprochenermaßen ein Bedürfnis
erfüllen, leitet das Schönheitsempfinden die
Hand. Die Anproben bei unserem Schneider
haben sicherlich nicht den Zweck, den Anzug
so warmhaltend wie möglich zu machen, sondern
sie wollen ihm die denkbar beste Form
geben. Ist das schon beim Männeranzug der
Fall, so tritt beim Frauenanzug offensichtlich
der Nutzzweck vor dem Schönheitszweck fast

gut hochreute: wintergarten

vollständig zurück. Dieselben Grundsätze verfolgen
wir fast automatisch bei unserer Wohnung
, bei der ein Ausschalten der Geschmacksrücksichten
gar nicht denkbar wäre. Niemand
wird hier auf die Idee verfallen, daß die Nützlichkeit
allein die gestaltende Tendenz sei.
Ebenso spricht die Form mit bei den Geräten,
Möbeln und Werkzeugen. Sicherlich werden
sie gebaut, um einem Zwecke zu dienen, eine
Arbeit zu verrichten. Ihre Form ergibt sich
aber durchaus nicht allein aus diesem Gesichtspunkt
. Selbst den Fall angenommen, daß
lediglich der Gebrauchszweck vorgeschwebt
hätte, so läßt sich doch behaupten, daß den
Verfertiger, sei es auch nur aus einem, von
ihm selbst nicht gefühlten ästhetischen „Unterbewußtsein
" heraus, auch die Rücksichten auf
die Form mit beeinflußt haben.

Hermann Muthesius

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