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ARCH. MAX LITTMANN
KGL. KURHAUS: VORFAHRT
DIE NEUBAUTEN IN BAD KISSINGEN VON MAX LITTMANN
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Die baulichen Aufgaben der Gegenwart sind
gekennzeichnet durch ein wachsendes
und vielfältiges Bedürfnis nach Räumen und
Anlagen für Gemeinschaftszwecke.
Wir brauchen nur einen flüchtigen Blick in
die Vergangenheit zu werfen, um zu erkennen,
wie außerordentlich dieses soziale Massenbedürfnis
die moderne Baukunst ideell bereichert
hat. Jahrhunderte hindurch waren Kirche und
Marktplatz die einzigen Orte, die dazu dienten,
eine größere Menge Volkes räumlich zusammenzuschließen
. Im Zeitalter des Barock kam das
Theater hinzu. Aber diese verhältnismäßig
kleinen Fürstentheater boten doch immer nur
einer kleinen Auslese Platz. Die prunkvollen
Gartenanlagen der Barockschlösser freilich
hätten Raum genug gehabt, um den Zustrom
von Tausenden zu fassen. Die Fürsten jedoch
waren noch weit davon entfernt, dergleichen
Zugeständnisse an die Untertanen zu machen;
sie feierten ihre höfischen Feste abseits, und
das Volk schaute zu — durchs Gitter. Politische
Zusammenkünfte fanden in den Rathäusern
, den Schlössern statt, ja der alte
deutsche Reichstag seligen Angedenkens nahm
gelegentlich auch mit dem Saale eines großen
Gasthauses vorlieb. Wenn es hoch kam, waren
es ja bestenfalls ein paar hundert Menschen,
die sich zu irgend einer gemeinsamen Sache
vereinigten. Abgesehen natürlich von militärischen
Ansammlungen oder besonderen Volksversammlungen
, für die immer noch der blaue
Himmel das gegebene Zeltdach war.
Das alles änderte sich im 19. Jahrhundert
sehr rasch. Die Theater vergrößerten sich,
besondere Musiksäle wurden nötig, Parlamente,
Hörsäle, Bahnhöfe, Krankenhäuser, Museen,
Fabriken, Warenhäuser — welch eine Fülle
neuer architektonischer Aufgaben! Der Einzelne
und sein persönliches Bedürfnis treten
mehr und mehr zurück, in den öffentlichen
wie in den privaten Bauten sind monumentale
Formen fast immer von irgend einem
massenhaften Raumverbrauch bedingt. Und
der einzelne Auftraggeber, sei es nun der Staat,
die Gemeinde, der industrielle Unternehmer,
Dekorative Kunst. XVI. it. August 1913
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