http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_28_1913/0583
Fürsten ihr Vergnügen und die pompöse
Repräsentation an die erste Stelle des Bauprogramms
setzten, könnten wir modernen
Nervenmenschen für unsere Erholung nicht
nur hygienisch sondern auch künstlerisch das
Allerbeste verlangen, denn die Summen, die
jahraus jahrein für diese Erholungszwecke ausgegeben
werden, sind enorm. Sie reichen aus,
um ein Dutzend solch großartiger Anlagen
glänzend zu verzinsen.
Die Wichtigkeit einer baukünstlerischen Mitwirkung
bei der Schaffung von angenehmen
Erholungs- und Kurstätten ist bei den wenigen
alten Bädern, die heute noch in ihrer ursprünglichen
Anlage erhalten sind, deutlich erkennbar.
Manchmal zeugt nur noch der alte Kurpark
davon, manchmal aber auch ein Pavillon, ein
erhöhter Tempel, ein schattiger Säulengang.
Die meisten älteren Kuranlagen sind ja wohl
um die Wende des 19. Jahrhunderts entstanden,
als Reisen und Bäderbesuch allgemeiner wurden.
Die böhmischen Bäder, z. B. Teplitz, Karlsbad,
Marienbad, aber auch die alten Heilstätten am
Taunus weisen noch vielfach die Spuren jener
klassizistischen Epoche auf und nötigen den
modernen Baumeister, sich mit ihr auseinanderzusetzen
. Das hat beispielsweise Fr. von
Thiersch beim Neubau des Wiesbadener Kurhauses
auf seine Art getan. Auch Max Littmann
, der Erbauer der imposanten neuen Kurhausanlagen
in Bad Kissingen, fand eine
solche klassizistische Ueberlieferung vor, mit
der gerechnet werden mußte.
Was aber die älteren Baumeister noch nicht
beschwerte, das sind unsere modernen Ansprüche
an Komfort, an Hygiene und Bequemlichkeit
. Es ist klar, daß ein Kurhausbau, der
internationalen Ansprüchen genügen will, hier
eine ganze Reihe rein bautechnischer Aufgaben
stellt, die gelöst sein wollen vor der künstlerischen
Ausgestaltung der rein architektonischen
Form. Hinzu kommt, daß diese technischen
Voraussetzungen bei fast jedem Bade
etwas anders liegen werden, denn eine Trinkkur
erfordert z. B. einen anderen „Apparat"
als eine Bäderkur. Auch im Baumaterial ist oft
Rücksicht zu nehmen auf schwierige klimato-
logische oder physikalische Vorbedingungen.
Deshalb sind Kurhausbauten für den modernen
Architekten nicht immer dankbare Objekte.
In Kissingen, . dem besuchtesten [ Kurorte
Bayerns, behalf man sich bis zum Jahre 1910
mit den Anlagen, wie sie zur Zeit König
Ludwigs I. entstanden waren. Im länglichen
Rechteck des Kurgartens (vgl. Lageplan S. 490)
erhob sich dem kleinen offenen Pavillon des
Maxbrunnens gegenüber der streng symmetrische
massive Arkadenbau mit dem kleinen
Kursaal in der Mitte und mit zwei rechtwinklig
vorgezogenen Seitenflügeln — eine bescheidene,
klassizistische Arbeit des Architekten Gärtner,
1837 gebaut. Südöstlich und abseits lag der
gleichfalls offene Pavillon für die beiden Hauptquellen
Rakoczy und Pandur mit einer anschließenden
offenen Wandelhalle — alles recht
primitiv in Eisen hingestellt (1842). Menzel
hat in seinem bekannten Kissinger Bilde einiges
von dieser Architektur festgehalten. Sie ist
heute völlig verschwunden mit Ausnahme des
Arkadenbaus, der bestehen bleiben sollte und
dadurch die neue Gesamtanlage entscheidend
beeinflußte. Denn es galt nun, das schiefe
Dreieck zwischen Saale und Kurhausstraße
unter möglichster Schonung des Gartens für
eine große Wandelhalle, sowie für das eigentliche
Kurhaus mit Festsaal, Restauration und
zahlreichen Nebenräumen auszunutzen.
Ein Blick auf den Plan lehrt, wie vortrefflich
der Architekt die gegebene Situation ausgenutzt
hat. Die Wandelhalle wurde mit der
Trinkhalle auf einem kreuzförmigen Grundrisse
vereinigt, der in seiner Längenachse die Hauptachse
des Gartens weiterführt, diesem einen
sehr nötigen Seitenabschluß gibt und, durch
unmittelbaren Anschluß an den bestehenden
Gärtnerschen Arkadenflügel, den baulichen
Konnex wahrt. Den Festsaal aber mit allem
Zubehör verlegte Littmann in die nordwestliche
Ecke auf die ehemaligen Wiesen an der
Saale, und er gewann so die Möglichkeit, die
alten Räume in den vielfältigen Organismus
des Neubaus zwanglos eingliedern zu können.
Mit der Wandelhalle wurde angefangen
(Abb. S. 509/10). Die Bauzeit war ungemein
kurz: September 1910 bis Mai 1911. Wir sehen
einen ganz schlichten Bau in grauem Eisenbeton
, mit Flachgiebeln und Kupferdach, mit
Bogenfenstern und sparsamen Säulenstellungen,
die den Rhythmus der alten Arkaden weiterführen
, in der Einzelform aber selbständig behandelt
sind. Diese vorhandene Rundbogen-
Architektur ergab dann auch das konstruktive
Prinzip der Halle auf natürlichem Wege: eine
dreischiffige Pfeilerbasilika, der ein gleichfalls
dreigeteiltes Querschiff mit der Brunnenhalle
und der Nische für das Orchester in der
Vierung vorgelagert ist. Die Wirkung des Innenraumes
ist überraschend frei, leicht und heiter.
Der sakrale Charakter, der hier gestört hätte,
ist durch die eingefügte ockergelbe Zwerggalerie
mit ihrem farbigen Blumenschmuck,
durch die durchbrochenen Querbogen unter
der bemalten Decke, durch die bunten Brunnen
und Wandreliefs in Majolika von Bildhauer
495
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_28_1913/0583