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JOHANN VINCENZ CI55ARZ
50 reizDoll es auch immer für die Kunstschrei-
ber aller Zeiten geroesen sein mag, den
komplizierten Organismus eines Künstlerdaseins
zu durchforschen, sein kuroenreiches Auf und
Nieder, sein Wollen und Vollbringen zu Der-
folgen und nachzuempfinden, so sehr fühlt man,
roenn man ehrlich sein roill, roie Diel schroerer
im Verhältnis zu früher heute dieses Beginnen
geroorden ist. Die Meister Dergangener Kunst-
epochen, und denken mir auch an die größten,
nahmen in roeit geraderen Wegen ihren Aufstieg
. 5ie suchten und fanden auf der Basis der
ihnen überlieferten und heiligen Kunstgesetze
ihren 5til und stehen heute in jener olympischen
Ruhe und Abgeklärtheit Dor uns, die immer zur
Ehrfurcht und Berounderung zroingt. Wohl doII-
zog sich auch in ihnen das geroaltige Ringen,
das allem schöpferischen Willen oorangeht. Aus
den Werken der Größten, die die Kunst her-
Dorgebracht hat, aus ihren Zeichnungen und
Skizzen, aus ihren schriftlichen Deduktionen, ersehen
mir, roie auch sie Dom Zeitenstrudel berührt
, Don Einflüssen begeistert oder beirrt, sich
durch ein Labyrinth
der Empfindungen
hindurch roinden
mußten. Heute freilich
erscheint uns
ihr Tun und Handeln
ebenso oon
der Patina des Alters
Derklärt, roie
ihre Werke, und in
die Berounderung
Dor diesen mischt
sich der Respekt,
der an ihnen nicht
zu drehen und zu
deuteln roagt.
Anders aber ist
es mit unseren
künstlerischen Zeitgenossen
. Mit denen
, die mitten unter
uns leben und
roirken, aus anderen
Verhältnissen
und Erkenntnissen
heraus ihre Kunst
üben und demzufolge
auch Don
ganz anderen Gesichtspunkten
aus
betrachtet roerden
roollen und müs- joh. Vincenz Cissarz
sen roie ihre Vorgänger. — fast ein Jahrhundert
hindurch roährt die Wandlung der Kunst, die roir
modern nennen, und noch ist kein Ende abzusehen
. Eine Richtung ist der anderen gefolgt.
Künstler, die gestern noch als Götter thronten,
roerden heute gestürzt, und das Morgen schon
kann neue ReDolutionen bringen. Was uns die
letzten Jahrzehnte an Kunstkämpfen beschieden
haben, ist hinreichend festgelegt. Sie sind das
Kriterium unserer Zeit geroorden, und keiner, und
roäre er ein Gigant, roird sie aufhalten.
Die Glücklichsten in diesem mögenden und
brandenden Kunstgetriebe, gegen dessen immer
unschöner roerdende formen alle roarnenden
Kassandrarufe oergebens ertönen, sind noch immer
die, die inmitten ihrer Entroicklung stehen.
Von ihnen roill man noch nicht das Letzte und
Höchste. Sie sind es, auf die man Hoffnungen
setzt, und ihnen bleibt bei all ihrem Ringen der
Trost und die beglückende Geroißheit, daß sie
noch nicht am Ende ihres Weges sind.
Solch ein Künstler ist JOHANN VINCENZ
CISSARZ. Cissarz heute noch oorzustellen, ist
kaum nötig. Man
kennt seinen Namen
, Derbindet mit
ihm sofort geroisse
Vorstellungs- Komplexe
und roeiß,
daß die Kunstgeschichte
des jungen
20. Jahrhunderts
ihm einen ehren-
Dollen Platz eingeräumt
hat. Und das
roill heute schon
Großes bedeuten.
Wie roo anders
auch, so ist an dieser
Stelle ebenfalls
schon über Cissarz
manches berichtet
morden. Man roeiß,
daß er T875 in
Danzig geboren
ist, also soeben das
fünfte Jahrzehnt
seines Lebens angetreten
hat, daß
er bei Pohle und
freye und dem
Belgier Pauroels
zuerst Dersucht hat,
in die Mysterien
Bildnis meines Vaters (T9TT) der Kunst einzu-
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DekoratlDe Kunst. XVI. ff. August f9f3
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