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ANTON PUCHEGGER LIEGENDER TIGER
Ausführung mit Scharffeuerfarben: Kgl. Porzellan-Manufaktur, Berlin
wurde. Man braucht die Märchen von der
preußischen Reitereskorte, die sehr gewaltsam
vier Meißener Porzellankünstlern den Weg
nach Berlin gezeigt haben soll, nicht zu glauben.
Vielmehr bestätigt sich, daß Friedrich am
liebsten den Figurenkünstler J. J. Kändler in
Berlin gehabt hätte und seine Ablehnung durch
die Annahme von vieren seiner Schüler —
darunter der ausgezeichnete Modellmeister
F. A. Meyer und einer der späteren Direktoren,
der Mosaikmaler J. Ch. Klipfei — wettgemacht
wurde. Gewiß wäre auch dieses Entgegenkommen
, das der damalige
Besitzer der Fabrik, Johann
Ernst Gotzkowsky, in Meißen
fand, nicht ohne die
Siege des Königs möglich
gewesen.
Und als Gotzkowsky wie
sein Vorgänger Wegely sehr
bald darauf in Zahlungsschwierigkeiten
kam, beeilte
sich der König, der die
Gründung der Fabrik angeregt
hatte, die Manufaktur
im Herbst des Jahres 1763
für den sehr hohen Preis von
225000 Talern zu kaufen.
Der sächsische Kommissionsrat
J. G. Grieninger,
den Gotzkowsky an die Spitze
seiner Fabrik gestellt hatte,
blieb auch bis 1798 Friedrichs
Direktor. Monopole
und Zollfreiheit für die Einführung
der Materialien begünstigten
das Unternehmen,
und noch Grieninger konnte
in den Jahren 1788—1792
W. ROBRA
Ausführung in
den höchsten Ueberschuß des ganzen ersten
Jahrhunderts der Fabrik mit einem Jahresgewinn
von 42599 Taler erzielen.
So einfach nun wie die selbständige Etablierung
einer Manufaktur in Berlin mit ihren
vorzüglichen Einnahmequellen für den König
war die künstlerische Lösung von dem Meißener
Einfluß und die Etablierung eines preußischen
Porzellanstils nicht. Hier machte man geruhig
nach Möglichkeit den Meißener Fabrikaten
Konkurrenz, kam von dem Barock Kändlers,
ohne es in dessen lebendiger Vollkommenheit
zu erreichen, zu einem antikisierten
Rokoko, dessen
allegorische Darstellungen
zum großen Teil wohl des
Königs eigener Anregung zu
danken sind, nicht ohne daß
man ihn hin und wieder
gründlich mißverstanden hat.
Eine ungeheuere Freudeging
durch das ganze Haus, als
man dem Königim Jahre 1768
als Branderfolg eine neue
„couleur de rose", seine Favoritfarbe
, vorlegen konnte.
Und die Kurfürstin von Sachsen
erhielt denn auch gleich
als Geschenk ein paar Tassen
mit Landschaften in diesem
Rot, das man damals in
Meißen noch nicht kannte.
Aber wenn man überhaupt
von einer Berliner Eigenheit
reden will, dann ist es
vielleicht nur die leicht hingetupfte
naturalistische Blumenmalerei
dieser Zeit, die
später zu einer ängstlichen
DACKEL
Scharffeuerfarben
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