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K.K.FACHSCHULE HAIDA □ B GESCHLIFFENE ZWEIFARBIGE ÜBER FANGGLÄSER
Verlrieb: Job. Oertel & Co., Haida (Böhmen)
NEUE GLÄSER AUS BÖHMEN
Was bisher nur in einzelnen Exemplaren,
namentlich in den letztjährigen Ausstellungen
des Wiener Oesterreichischen Museums
zu sehen war, hat man nun endlich auch in
einer geschlossenen Kollektion zu Gesicht bekommen
und zwar zunächst für ganz kurze
Zeit im Kgl. Landesgewerbemuseum zu Stuttgart
, von wo die Serie für die deutsch-böhmische
Landesschau nach Komotau weitergewandert
ist. Der Inhalt der vier großen
Vitrinen bildete eine Art Ereignis in unserer
Glasdekoration, weshalb näher darauf eingegangen
werden muß.
Bekanntlich ist das Glas, das nicht in den
großen Kulturmetropolen erzeugt und veredelt
wird, sondern heute noch immer aus mitunter
abgelegenen Waldtälern zu uns kommt, besonders
konservativ und wehrt sich lange
gegen Neuerungen, während andere kunstgewerbliche
Materialgruppen schon längst zu
einem anderen Formenkreis übergegangen sind.
Auch heute ist es nicht viel besser geworden,
wie dies in früheren Jahrhunderten leicht beobachtet
werden kann. — Als ich vor einem
Dutzend von Jahren mein Buch über die modernen
Gläser schrieb, war ich einigermaßen
in Verlegenheit und mußte leider vielfach zur
kuranten Handelsware greifen, die mit dem
Jugendstil zu kokettieren anfing. Als die
beiden bisher einzigen, wirklich großen Glaskünstler
standen einander Emil Galle in Nancy
und Louis Tiffany in New-York gegenüber.
Jeder hatte seine Anhänger; die geschnittenen
mehrfachen Ueberfanggläser Galles wurden
nicht nur von Daum Freres sondern auch von
einigen lothringischen Firmen variiert, und
die schillernden Lüstergläser von Tiffany fanden
eine ganze Reihe von Konkurrenten, unter
denen Lötz' Wwe. in Klostermühle und J. E.
Schneckendorf in Darmstadt zu den bedeutendsten
zählen.
Aber weder die eine noch die andere Richtung
nahm auf die altenTechniken und Schmuckweisen
Rücksicht, die in Tausenden von gut
vorgebildeten Glasraffineuren weiterleben; ja
der Schnitt Galles wurde allmählich, namentlich
nach seinem Tode, in die wohlfeilere
Aetzung verwandelt, so daß man sich immer
mehr von den alten, zum Teile noch recht
guten Traditionen der Glasgegenden entfernte.
Da mußten in erster Reihe die österreichischen
Fachschulen von Haida und Steinschönau eingreifen
, und sie taten dies auch. Zunächst
schüchtern in einzelnen Entwürfen, die jedoch
von der Riesenmenge der einander jagenden
Export-Entwürfe der verschiedensten Firmen
erdrückt wurden. Nun wird dies gewiß anders
werden, zumal das Arbeitsministerium in Wien
mit seinem vorzüglichen kunstgewerblichen
Dezernenten, dem Sektionschef AdolfMüller,
den richtigen Weg gefunden hat, die vereinzelten
Anregungen fruchtbringend zusammen-
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Dekorative Kunst. XVI. 12. September 1913
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